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Kap. VII. § 143.
die Rolle im Drama, Drama aber ist Entwickelung durch
Kampf. Ohne Kampf kein Sieg und kein Held, ohne Kampf
keine Handlung im prägnanten Sinne des Wortes. In Hand¬
lung liegt auch Handel, und Handel ist nicht nur Gegenseitig¬
keit, sondern Gegenstellung; vielleicht nicht notwendig, aber
doch überaus häufig, insgeheim fast stets auch Differenz, die
Ausgleichung fordert; in jedem Falle aber Gegenstellung von
Person zu Person.
Nun braucht zwar die erste Stufe der Praxis diese Gegen¬
stellung mit allen ihren Folgen: Streit und Ausgleich, Sich-
durchsetzen im Kampf, Einsatz der ganzen Person, noch
nicht zu enthalten, wenigstens nicht davon zu wissen; sie soll
es nicht schon in sich aufnehmen. Aber doch gehört sie zur
Praxis mindestens als Möglichkeitsgrund; vielmehr sie ist, im
Hinblick auf die entfaltete Praxis, selbst deren Möglichkeits¬
grund. In diesem aber muß ohne Zweifel der Keim zum fried¬
lichen Auseinandertreten undSich-wiedervertragen, zuKampf,
Sieg und Friedensscbluß liegen; nur wird er darin noch schlum¬
mern, nicht schon zur Entfaltung kommen. Es ergibt sich also
ein Ruhestand, der die Entwickelung der Praxis in die volle
Bewegtheit der Differenzierung und des Streites zwar keim¬
haft schon in sich trägt, aber sich wenigstens in der Abstrak¬
tion ihr voraus denken läßt, so wie in jeder unserer Stufen¬
reihen das erste Stadium, als das der Möglichkeit, die volle
Entwickelung nicht schon mitbedeutete, sondern nur als
idealer Nullpunkt auf sie vorauswies. So erhalten wir das
genaue Analogon der Materie in der Natur, als Entwicke¬
lungsmöglichkeit ohne schon tatsächliche Entwickelung.
So also haben wir als erste Phase der Praxis die der unent-
falteten Möglichkeit derselben anzusetzen, deren tatsächliche
Bedeutung durch die vorausgeschickte Erörterung über den
Naturgrund der Praxis schon klargeworden ist. Alle voll ent¬
wickelte, alle tatsächlich vorliegende Praxis ist über diesen
Stand bloßer Möglichkeit schon hinaus; aber diese liegt dabei