Full text: Vorlesungen über praktische Philosophie

122 
Kap. III. § 50. 
ist und nicht ist. Es muß zuletzt alles mit allem in seins¬ 
logischem Zusammenhang stehen, so daß, wenn Eines anders 
sein sollte, schließlich alles anders sein müßte. So streng 
wenigstens hat Leibniz selbst seinen ,,Satz des Grundes“ ver¬ 
standen wissen wollen. Damit ist freilich eine Forderung ge¬ 
stellt, deren Erfüllung in endlicher Erkenntnis ausgeschlossen 
ist. Es ist damit höchstens nur ein Desiderat ausgesprochen: 
so müßte es sein, so erst wäre es schlechthin logisch befrie¬ 
digend, wäre die Welt restlos rational. Die Forderung der 
Logizität oder Rationalität in diesem Sinne ist nicht erledigt 
mit der Erfüllung der Forderung der bloßen Identität oder 
des Nicht-Widerspruchs (daß eben ist, was ist, nicht ist, was 
nicht ist), sondern erst mit der des einstimmigen Zusammen¬ 
hangs, schließlich All-Zusammenhangs, in welchem jedes das 
andere an seinem Teile mit stützt und trägt. Aber was ist 
dieses Stützen und Tragen, und inwiefern ist es logisch ge¬ 
gründet ? Welcher Grund liegt jeweils darin, daß Etwas (A) 
ist, dafür, daß etwas Anderes (B) ist, welches selbst nicht A, 
und welches seinerseits A nicht ist? Was ist hier das Ver¬ 
bindende ? So fragten schon die alten Skeptiker, so fragt von 
neuem, mit stärkstem Nachdruck, David Hume, und fragt 
Kant, den im Werdestadium seiner kritischen Philosophie 
kaum eine Frage so schwer wie diese beunruhigt hat. Er be¬ 
antwortet sie durch die Aufstellung einer (wie er glaubt) neuen 
Art des Urteils: des synthetischen Urteils; was ihn dann in 
weiterer Vertiefung zur Aufstellung einer logischen Funktion 
der „Synthesis“, der „synthetischen Einheit“, und schließlich 
der „synthetischen Einheit der Apperzeption“ führt. Diese 
Lösung ist jedoch im Kerne keine andere, als die schon Plato 
im Dialog „Der Sophist“ gefunden hat. Bei diesem, ent¬ 
schiedener noch und in schrofferer Deutlichkeit als bei Kant, 
tritt die Forderung der Symploke, Verflechtung, Verbindung 
— die vielleicht noch sinnfälliger als Humes und Kants „not¬ 
wendige Verknüpfung“ die Innerlichkeit des Zusammenhangs,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.