Volltext: Mythus und Kultur

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Mythus und Kultur 
einer bloß moralischen Verpflichtung stammt. Ein 
Lebenszusammenhang, der ganz und gar in der Ge¬ 
setzlichkeit seines geschichtlichen Verlaufs und Tat¬ 
bestandes aufgeht, und mag diese Gesetzlichkeit von 
noch so reichen Motiven gespeist werden, erlischt in 
seiner Banalität. Er ist eben nur ein Sachverhalt, aber 
kein Symbol. Er kann sozialen Einfluß erringen und 
genießen: Geschichtliche Werthaftigkeit gewinnt er 
aber erst durch seine normative Beziehung auf einen 
zu ihm transzendent stehenden Sinn. Nur ein in 
irgendeiner Bedeutsamkeit über sich transzendierendes 
Leben besitzt eine Beglaubigung. Nur auf diese Weise 
löst es sich aus der Verstrickung in die Endlichkeit 
seiner Erscheinung. 
Verweilen wir noch einen Augenblick bei diesem Ge¬ 
danken. 
Die deutsche idealistische Philosophie hat uns die 
Lehre gebracht, daß der Selbstwiderspruch unweiger¬ 
lich zu den paradoxalen Voraussetzungen alles Seins 
und Geschehens gehöre. Wie sehr diese Erkenntnis 
zutrifft, läßt sich mit voller Klarheit ermessen an den 
Versuchen um eine philosophische Erfassung und 
metaphysische Deutung gerade des geschichtlichen 
Lebens. Denn kein Vorgang und keine Leistung, keine 
Erscheinung und keine Persönlichkeit desselben ist 
restlos, ja auch nur im eigentlichen Sinne begreiflich 
aus den immanenten Gesetzen und Bedingungen, die 
ihr positives Stattfinden und Auftreten herbeiführen 
und gewährleisten. Ein im tieferen Verstände histori¬ 
scher Wertcharakter wächst ihnen erst zu aus ihrem 
Verhältnis und durch ihre Bezogenheit zu einer jen¬ 
seits ihrer Tatsächlichkeit anerkannten oder geforder¬ 
ten Zielsetzung und Sinnhaftigkeit. Wenn einem Er¬ 
eignis oder einer historischen Gestalt diese Bezogenheit 
fehlen würde, wenn sie sich uneingeschränkt ableiten 
und verstehen ließen aus ihren individuellen oder so¬
	        

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