Full text: Mythus und Kultur

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Mythus und Kultur 
Gänge, 3. Bd. S. 31 f.). Das Begreifen beseitige den 
Mythus, da es alles jenseits des Formalen und Begriff¬ 
lichen Liegende grundsätzlich in den Kreis des Be¬ 
griffes hineinzieht. Welche paradoxen Folgen ergaben 
sich daraus, daß David Friedrich Strauß in seinem 
«Leben Jesu» (1835) die Berichte über Jesu als „My¬ 
then“ entschleierte! Denn dadurch, daß jene Er¬ 
zählungen als Mythen erkannt und durchschaut wur¬ 
den, wurden alle geheimnisvollen Realitäten und die 
Realität des Geheimnisses, die nur so lange bestehen, 
als sie in* ihrem Mythus-Sein von der Kritik und dem 
Intellekt nicht berührt werden, dem Wissen und dem 
Wissenden ausgeliefert. Damit jedoch verblaßte und 
zerstob ihr „Mythus“. Der Mythus ist eine natürliche 
und organische Äußerung des religiösen Bewußtseins; 
es lebt in ihm und mit ihm. Für das wissenschaftliche 
Bewußtsein ist er nichts als ein Untersuchungsgegen¬ 
stand, deren es für dasselbe zahllose gibt. Ihnen allen 
steht die Wissenschaft in der gleichen kritischen Neu¬ 
tralität gegenüber. Sie alle werden von ihr mit der¬ 
selben begrifflichen und methodischen Technik be¬ 
arbeitet. Indem nun die Wissenschaft den Mythus 
in diese wertfreie Zone der sachlichen Untersuchung 
hineinzieht, ihn hinsichtlich seiner Entstehung und 
Entwicklung und hinsichtlich der Umstände seines 
ästhetischen und literarischen Geformtwerdens ins 
Auge faßt, ihn mit Auslegungen und Erklärungen 
begleitet, raubt sie ihm bei diesem Vorgang seiner 
intellektuellen Durchdringung gerade diejenigen Mo¬ 
mente, wegen deren er dem religiösen Bewußtsein 
so wert ist. Während das religiöse Bewußtsein sich 
in einem Mythus verklärt, sucht das wissenschaft¬ 
liche ihn zu erklären. Während die mythenbildende 
und für Mythen begabte und empfängliche Phantasie 
in der Realität des Mythus sich darstellt, streben 
wir „aufgeklärte“, durch einen ungeheuren Intellek-
	        

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