Full text: Mythus und Kultur

Typische Sondermythen 
59 
Mythus, an dem humanistisch-ethisch-ästhetischen 
Bildungs-Mythus, an dem Mythus der Kunst erkennen. 
Die aber in sich absolute Form dieser auf Verabsolu¬ 
tierung gerichteten Lebenssteigerung verwirklicht sich 
doch erst im Leben der Religion, da in diesem alle 
Dissonanzen und Antinomien des Seins zu einer im 
Prinzip restlosen Überwindung gebracht werden. Das 
ist das Wunder, das der Religion erreichbar ist, er¬ 
reichbar sowohl in der Subjektivität des religiösen 
Gefühls, als auch im Gebet und in der Objektivität 
der Glaubensgemeinschaft. Wenn nach dem Johannes- 
Evangelium der Logos Fleisch, also Erscheinung ward, 
wenn sich das Wunder der Offenbarung begibt — 
und ohne „Offenbarung“ gibt es keine Religion und 
kann es keine geben — dann vollzieht sich der 
mystische Ausgleich zwischen dem Ewigen und dem 
Endlichen, dann findet dieses seinen Eingang und seine 
Versöhnung in jenem. 
Darin bekundet sich nun die Paradoxie des reli¬ 
giösen Mythus: Auf der einen Seite übt er die stärkste, 
die endgültige Überwindung aller irdischen Unzu¬ 
länglichkeiten ; erinnert sei an den Mythus der Trans- 
substantiation oder der im Gesinnungskreis der Mystik 
vertretenen Deifikation, Aber andererseits macht er 
sich zugleich, indem nach ihm das Göttliche eine end¬ 
liche Gestalt annimmt und im irdischen Gewand er¬ 
scheint, damit entbehrlich, ja er wird dadurch gerade¬ 
zu hinfällig. Er ist der stärkste und dauerndste und 
zugleich der am unbedingtesten, radikalsten über- 
windliche und ausschaltbare Mythus. Indem er lehrt 
und zeigt, daß die ewige Wahrheit, daß die Idee Wirk¬ 
lichkeit wird und in die Erscheinung eingeht, löscht er 
die Grundantinomäe alles Seienden aus, die doch die 
Voraussetzung für seine Entstehung und für sein An¬ 
erkanntwerden darstellt. Er ruht einerseits auf der 
rückhaltlosen und rücksichtslosen Hervorhebung des
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.