Full text: Mythus und Kultur

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Mythus und Kultur 
wandeln, und wir dürfen kühnlich behaupten, daß 
wir dann schon irdisch unsterblich sind“1). 
Diese Aufgabe und diese Funktion eignen aber des¬ 
halb der Kunst, weil sie es ist, in der der Atem und die 
Kraft des Kosmos, des Ewigen glühen, weil sie es ist, 
in der der Weltgeist sich auswirkt. Das ist der Grund¬ 
gedanke und das Dogma dieses ästhetischen Idealis¬ 
mus im Gegensatz zu dem ethischen Idealismus, der 
in dem guten Willen, in der praktischen Vernunft den 
Ausdruck des Absoluten erblickt. ,, Alle heiligen 
Spiele der Kunst sind nur ferne Nachbildungen von 
dem unendlichen Spiele der Welt, dem ewig sich selbst 
bildenden Kunstwerk,“ sagt Friedrich Schlegel. 
Wir haben somit nicht die Ansicht der Aufklärung 
vor uns, die den Bau des Weltalls allerdings auch in 
Analogie zu einem Kunstwerk, aber einem solchen 
mechanischer Struktur vorstellte und in diesem Sinne 
Gott als Weltarchitekten und Weltmechaniker dachte. 
Indem nämlich die Aufklärung überall in der Welt 
Zweckmäßigkeiten und planvolle Zurichtungen fand, 
führte der Gedanke der mechanischen Gesetzmäßigkeit 
zur Vorstellung, das All sei ein aus der Vernunfttätig¬ 
keit Gottes hervorgegangenes Kunstwerk. Die grund¬ 
sätzliche Wegleitung für die ganze Weltauffassung 
der Aufklärung war der enge Anschluß an die mathe¬ 
matisch-mechanischen Naturwissenschaften; und des¬ 
halb war es in erster Linie der Begriff der formalen 
Ordnung, der das Verbindungsglied und die Grund¬ 
lage zur Herstellung jener Analogie darbot. 
Die Romantik dagegen sah im Kunstwerk darum 
ein Symbol des Kosmos, des Alls, weil ihr aus ihrer 
*) Ob und in welchem Sinne auf die romantische Ver¬ 
absolutierung der Kunst Schillers Kunsttheorie eingewirkt 
hat, die besonders in den Ästhetischen Briefen zur Größe 
einer Metaphysik der Kunst aufwuchs, mag hier uner- 
örtert bleiben.
	        

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