Full text: Mythus und Kultur

Typische Sondermythen 
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der Entfaltung aller Kräfte und ihrer harmonischen 
Verwebung zur Einheit einer Vollgestalt war die ge¬ 
danklich-sittliche Grundlage jenes Mythus. Das be¬ 
stimmende Motiv für seine bildhafte Durchführung 
aber war die Aussicht, den Wert und das Recht dieser 
Idee durch die Auf Weisung ihrer geschichtlichen Wirk¬ 
lichkeit zu erhärten. Mochte man auch zu dem Zu¬ 
geständnis oder der Einschränkung sich gedrängt 
sehen, daß „auch der Begriff des Ideals es notwendig 
mit sich bringt, daß sich die Idee der Möglichkeit ihres 
Erscheinens unterwerfe“. Trotzdem hebt Humboldt 
die außerordentliche pädagogische Bedeutung dieses 
Mythus mit starken Worten hervor: „Wer, wie der 
Grieche, mit Schönheit der Formen genährt, und so 
enthusiastisch, wie er, für Schönheit und vorzüglich 
auch für sinnliche gestimmt ist, der muß endlich gegen 
die moralische Disproportion ein gleich feines Gefühl 
besitzen als gegen die physische. Aus allem Gesagten 
ist also eine große Tendenz der Griechen, den Menschen 
in der möglichsten Vielseitigkeit auszubilden, un¬ 
leugbar.“ „Der gefühlvolle Kenner (!) des Altertums, 
der die harmonische Ausbildung aller Kräfte, die edle 
Freiheit der Gesinnungen, die Entfernung von allen 
niedrigen Beschäftigungen, den edlen Müßiggang und 
die hohe Schätzung des inneren Menschen unter den 
Griechen mit hohem Erstaunen bewundert, wird nicht 
ohne Scham und Niedergeschlagenheit bemerken, daß 
unter uns fast jeder nur einzelne Anlagen einseitig 
entwickelt, daß die Freiheit des Geistes mancherlei 
Fesseln erduldet, daß eine mühselige Geschäftigkeit 
einen großen Teil unseres Lebens hinwegnimmt und 
die innere Ausbildung nicht selten der äußeren Wirk¬ 
samkeit nachgesetzt wird.“ 
Welche Abstriche die historische und philologische 
Einzelforschung an diesem Gemälde vornehmen 
mochte, unberührt davon bleibt seine ausschlagge- 
Llcbert, Mythus und Kultur. 
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