Full text: Mythus und Kultur

44 
Mythus und Kultur 
einen tiefsten Sinnquell, aus dem wir die Gewähr 
schöpfen, daß wir noch einer anderen Welt als Bürger 
zugehören. Und zugleich liegt hier der Punkt, an 
dem der religiöse Unterton und die religiösen Antriebe 
der Kantischen Ethik deutlich werden. Da, wo die 
Philosophie Kants bis zu den Tiefen der Religion vor¬ 
dringt, da gestaltet sie sich zu einem herrlichen und 
erlösenden Mythus. Hier versagt alle begriffliche Klar¬ 
legung und Auseinandersetzung. Hier steigt die philo¬ 
sophische Konstruktion bis zu den ewigen Urgründen 
alles Seins hinab, die wir nur noch in schweigender Dank¬ 
barkeit verehren und andeuten, aber nicht mehr mittels 
einer festen rationalen Theorie ausdeuten können. 
In der Kantischen Freiheitslehre erfassen wir jedoch 
nicht nur die tiefste Schicht des Kantischen Denkens 
und die innerlichste, aber eben doch mythische Vor¬ 
aussetzung seines ganzen Philosophierens, sondern 
dieser Teil seines Systems, der sozusagen die konstruk¬ 
tive Grundlage des ganzen Systems bildet, übte zu¬ 
gleich und übt unaufhörlich den durchgreifenden er¬ 
zieherischsten Einfluß auf die folgenden Geschlechter 
in Theorie und Praxis aus. Was Kant wirklich be¬ 
deutet, das erfahren wir erst, wenn wir einmal alle 
Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten und alle 
Einzelheiten seiner Leistung außer Acht lassen, bei 
rückhaltloser Vertiefung in den metaphysischen Sinn 
seiner Freiheitslehre. Bei diesem Erleben jedoch ver¬ 
gessen wir die geschichtliche Persönlichkeit Kants, 
werden uns die geschichtlichen Einzelumstände seines 
empirischen Wesens und Wirkens unwesentlich. Im¬ 
manuel Kant selber reckt sich empor zur gigantischen 
Höhe eines Mythus, gleich Mose und Zoroaster, gleich 
Buddha und Jesus, gleich Sokrates und Plato. An 
seiner Lehre befreien wir uns, gestalten wir uns, wie 
wir uns an jedem wahren Mythus befreien und ge¬ 
stalten. Denn im Mythus treten wir hinaus über die
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.