Full text: Mythus und Kultur

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Mythus und Kultur 
empirischen Bestand nach ist, und als was sie er¬ 
scheint, an ihr geschätzt und beachtet wird, sondern 
weil sich vermittels jener Auslegung in ihr die Vernunft 
des Absoluten und das Absolute der Vernunft in eine 
der ihnen möglichen Strahlungen spiegelt. So inter¬ 
essiert keineswegs lediglich der Tatbestand der Lehre 
Kants selber. Dieser Tatbestand erlaubt, ja er fordert 
geradezu wegen seiner unvergleichlich verwickelten 
Struktur, wegen der Mannigfaltigkeit seiner systema¬ 
tischen und geschichtlichen Voraussetzungen und Mo¬ 
tive schon von sich aus eine Vielheit von Deutungen. 
Ferner verschwistert sich mit dieser Möglichkeit die 
ganze Fülle hermeneutisch zulässiger Standpunkte, die 
ein Ausdruck der Verschiedenartigkeit des Weltgefühls 
der an der Auslegungbeteiligten Zeiten und Menschen ist. 
Und indem diese Verschiedenartigkeiten in die 
Formen des Begriffes eingehen, erwachsen die Mythen 
von Kant und seiner Philosophie. Die Ent¬ 
stehung der zahlreichen Kantischen Schulen erklärt 
sich nicht nur daraus, daß aus dem höchst verschlun¬ 
genen Bau des Kantischen Systems von diesem die 
eine, von einem anderen eine andere Tendenz und 
Linienführung herausgelesen und herausgehoben und 
zur Entwicklung gebracht wurde, sondern der Geist 
der Arbeit an Kant und die Versuche um Fortbildung 
der kritischen Philosophie unterstanden und unter¬ 
stehen zugleich eigentümlichen Gesichtspunkten und 
Betrachtungsweisen, die sich aus der wissenschaft¬ 
lichen Bildung, der metaphysischen Gesinnung, der 
Zugehörigkeit zu bestimmten Zweigen und Forschungs¬ 
richtungen der Wissenschaft, aus der Persönlichkeit 
und Begabungsart des betreffenden Interpreten und 
Weiterbilders ergeben. Die Entwicklung der Philo¬ 
sophie Kants im 19. Jahrhundert verfolgen, heißt 
nicht nur, den in jener Philosophie gelegenen sach¬ 
lichen Tendenzen nachgehen und die systematische
	        

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