Full text: Mythus und Kultur

Typische Sondermythen 
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eine wiederum aus konstruktiver Deutung erfolgende 
Auslegung. Sie schuf den Mythus, Platon sei vor allem 
Erkenntnistheoretiker und als solcher ein Vorläufer 
der kritisch-transzendentalen Logik. Dieser Mythus 
ist gleichsam nach der der Renaissanceauffassung ent¬ 
gegengesetzten Seite gerichtet, wie sie in der Haupt¬ 
sache Paul Natorp in seinem bekannten Platonbuch 
entwickelt. 
Welche von beiden Auffassungen und Darstellungen 
ist im Recht ? Wenn wir antworten: beide, so geschieht 
das nicht in der Meinung, daß sich nun durch ihre 
Vereinigung ein angemessenes und erschöpfendes Bild 
des ,ganzen4 Platon hersteilen ließe. Sie haben beide 
Recht, weil sie die Auslegung unter Heranziehung der 
aus ihrer Zeit oder aus ihrem besonderen, ihnen zu¬ 
gehörigen Gedanken- und Lebenskreise hervorgehen¬ 
den Auffassungs- und Interessenrichtungen vorneh¬ 
men. Diese methodische Einseitigkeit ist natürlich 
einem in methodischen Dingen geradezu vorbildlichen 
Kopfe wie Hermann Cohen durchaus bewußt. Sagt 
er doch in seiner Schrift: «Platos Ideenlehre und die 
Mathematik»: ,,Denn das ist ja eine füglich anerkannte 
Sache, daß es in letzter Instanz kein anderes zureichend 
objektives Kriterium gibt für die Beurteilung des 
Echten, des Reifen, des Hauptsächlichen, ja beinahe 
muß man sagen, des ernsthaft Gemeinten in Platon, 
als die eigene wissenschaftliche Subjektivität, als die 
erkenntnistheoretische Einsicht, über die ein jeglicher 
zu verfügen hat“ (S. 6). (Vgl. auch den Aufsatz 
von Julius Stenzei, Zum Problem der Philosophie¬ 
geschichte; Kant-Studien Band XXVI, Heft 3—4 
S. 416ff.) 
Demgemäß wäre die Vereinigung der verschiedenen 
Auslegungsformen ein Akt systematischer Deutung, 
der der Eigenart einer vornehmlich synthetischen 
Denkart entsprechen würde. Von einer Platon-
	        

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