Full text: Mythus und Kultur

128 Mythus und Kultur 
ständig drohende Relativierung um jeden Preis fern¬ 
zuhalten bzw. zu überwinden. Beständig vollzieht 
sich dieser gigantische Kampf der Geschichte gegen 
die Vergewaltigung durch leere Schatten und Formen, 
damit ihr ideeller Gehalt, damit ihre Idee, damit ihre 
Vernunft nicht unterdrückt, nicht erdrosselt werde. 
Diese immanent geforderte Erhebung zu seinem Sinn, 
zu seiner Vernunft kann das Leben jedoch auf keinem 
anderen und keinem sichereren Wege erreichen als da¬ 
durch, daß es eine seiner empirischen Gestalten und 
Erscheinungsformen aus ihrer bloß zeitlichen Ver¬ 
klammerung und Tatsächlichkeit befreit und es zur 
Unbedingtheit steigert. Das kann das eine Mal die 
Religion, das andere Mal die Kunst, ein drittes Mal 
die Philosophie, ein viertes Mal die Wissenschaft usw. 
sein bzw. durch diese geschehen. Und die Zeitalter 
des Geistes unterscheiden sich dadurch voneinander, 
daß es immer nur ein einzelnes, bestimmtes Kultur¬ 
gebiet ist, das diese Verabsolutierung erfährt, das sich 
zu dieser metaphysischen Herrschaft erhebt. Zugleich 
istper Charakter jedes einzelnen Zeitalters durch eine 
sorche besondere Verabsolutierung bestimmt und fest¬ 
gelegt. 
Nun vollzieht sich diese Steigerung eines Kultur¬ 
gebietes, einer Gesinnungsweise, eines Betätigungs¬ 
kreises zur Unbedingtheit alle Male dann, wenn wieder 
die Entdeckung gemacht und ein Verständnis dafür 
wieder gewonnen ist, daß sich die betreffende Lebens¬ 
form auf der Ewigkeit vernünftiger Prinzipien grün¬ 
det, also mehr ist als das lockere Ergebnis historischer 
Entwicklungen und Konventionen, mehr ist als der 
Ausdruck menschlicher Wünsche und Bedürfnisse. 
Alsdann ist alles Psychologische und Anthropologische, 
das ihr in noch so auffälliger Auflagerung anhaften 
mag, als ein zeitlicher Zusatz erkannt. Geschieht das, 
und dieses Erkennen ist ebenso notwendig, wie in
	        

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