Full text: Ethik

VI. 
Spinoza1 
{1632—1677). 
1. Ethik. 
a) Von der Herrschaft der Leidenschaften. 
Wie im Spiel der Winde die Wellen des Meeres auf 
und nieder taumeln, so schwanken auch wir Menschen 
unter den Stößen äußerer Begebenheiten, die unermüd¬ 
lich auf uns einstürmen, hin und her; wir wissen nicht, 
was unserer harrt, und was das Schicksal über uns verfügt. 
Und dazu kommt noch, daß wir unter dem Zwange 
der Affekte, die uns Menschen als Naturausstattung an¬ 
gehören, die Dinge voller Vorurteil betrachten und da¬ 
durch unser Urteil ständig wechseln. 
Die Herrschaft der Affekte stiftet aber noch weitere 
Verwirrung. Ihnen gegenüber kann sich oft genug die 
wissenschaftliche Erkenntnis von gut und böse nicht 
behaupten. Daher denn jenes Dichterwort: „Ich sehe 
wohl das Bessere und billige es, und trotzdem folge ich 
dem Schlechteren.“ Den gleichen Gedanken scheint der 
Prediger Salomo mit den Worten auszusprechen: „Wer 
das Wissen mehret, mehret auch den Schmerz.“ Dieses 
aber sage ich nicht, um daraus zu schließen, daß Nicht¬ 
wissen besser als Wissen, oder daß der Weise, der seine 
Affekte meistert, dem Toren nicht überlegen sei. Wir 
müssen erst einmal die Kräfte und die Fähigkeiten, aber 
auch die Schwächen unserer Natur ins Auge fassen, um 
danach die Leistungsfähigkeit unserer Vernunft für die 
Bezähmung der Affekte zu bemessen. 
Es ist und bleibt doch nur ein schönes Märchen, wenn 
man erzählt, das Volk vermöge sein Leben der Weisung 
der Vernunft gemäß zu regeln. Ein Traum der Dichter 
1 Abgedruckt aus dem „Spinoza-Brevier", übersetzt und zu¬ 
sammengestellt von Arthur Liebert, ?. Auflage 1918; S. 54—76. 
Verlag F. Meiner, Leipzig. 
63 
• 54—69
	        

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