Full text: Ethik

ein Urböses geben und ein Böses als Eigenschaft, welches 
jenem gemäß sich an einem andern findet. 
4. Die körperliche Natur ist böse, soweit sie an der 
Materie teil hat; denn sie hat keine wahrhafte Form und 
ist des Lebens beraubt; die Körper vernichten sich gegen¬ 
seitig durch die von ihnen ausgehende ungeordnete Be¬ 
wegung, sie hemmen die Seele in ihrer eigentümlichen 
Tätigkeit, und fliehen, in ewigem Flusse befindlich, die 
Wesenheit. Die Seele an sich ist nicht böse und nicht 
ganz böse. 
7. Man kann die Notwendigkeit des Bösen auch in fol¬ 
gender Weise begreifen: da das Gute nicht allein bleibt, so 
entsteht notwendig durch das Ausgehen von ihm oder 
wenn man’s anders ausdrücken will, durch das stete Her¬ 
vorgehen und die stete Entfernung das Letzte, d. h. das, 
nach welchem nichts mehr entstehen konnte, und das ist 
das Böse. Notwendigerweise ist etwas nach dem Ersten, 
folglich auch ein Letztes. Dies letzte aber ist die Materie, 
welche nichts mehr vom Ersten enthält; also ist die 
Existenz des Bösen notwendig. 
über die Tugenden. 
1. Da das Böse hier unten regiert und mit Notwendigkeit s. 243—247 
in dieser Welt herrscht, die Seele aber das Böse fliehen will, 
so muß man fliehen aus dieser Welt. Worin besteht nun 
diese Flucht ? Darin, sagt Platon, daß man Gott ähnlich 
wird. Das geschieht, wenn wir mit Einsicht gerecht und 
heilig werden und ganz der Tugend leben. Wenn wir 
nun durch die Tugend ähnlich werden, so besitzt wohl 
Gott selbst die Tugenden, durch die wir ihm ähnlich 
werden wollen ? Aber wer ist dieser Gott ? Ohne Zweifel 
der, der die Tugend in höherem Grade zu besitzen scheint, 
die Allseele und der Lenker in ihr, dem wunderbare Weis¬ 
heit zukommt. Denn es ist wahrscheinlich, daß wir in 
dieser Welt hier unten ihm ähnlich werden. Indessen ist es 
zunächst zweifelhaft, ob dieser Gott auch wirklich alle 
Tugenden besitzen kann, ob er also etwa besonnen und 
tapfer sein kann, er, dem weder etwas furchtbar ist, weil 
es ja nichts außer ihm gibt, noch etwas Angenehmes sich 
naht, nach dem ihm, weil er es nicht besitzt, Begierde 
entstehen könnte, um es zu besitzen oder zu erlangen. 
Strebt aber auch er nach dem Geistigen wie unsere Seele, 
4 Liebert, Ethik. 
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