Full text: Ethik

nicht? Oder alles andere, nämlich alles Nichtgute, zu 
verstehen, das Schöne aber und Gute nicht zu verstehen ? 
Adeimantos. Beim Zeus, ich gewiß nicht. 
Sokrates. Aber auch das weißt du, daß die meisten 
die Lust für das Gute halten, die feineren Köpfe da¬ 
gegen die Einsicht. 
Adeimantos. Gewiß. 
Sokrates. Und daß, mein Freund, diejenigen, die dies 
letztere glauben, sich nicht darüber ausweisen können, 
was das für eine Einsicht sei, sondern sich genötigt sehen, 
schließlich zu sagen, es sei die Einsicht in das Gute. 
Adeimantos. Ja, lächerlich genug. 
Sokrates. Und wie sollte es das nicht sein, wenn sie 
es erst unverzeihlich finden, daß wir das Gute nicht wissen, 
und dann wieder zu uns sprechen als wüßten wir es ? 
Denn sie erklären die Einsicht für Einsicht in das Gute, 
als ob wir schon verstünden, was sie meinen, wenn sie das 
Wort „gut“ ausgesprochen haben. 
Adeimantos. Sehr wahr. 
Sokrates. Und nun diejenigen, die die Lust für das 
Gute ausgeben — ist bei ihnen des Irrtums Fülle etwa 
geringer als bei jenen ? Oder sehen sich nicht auch diese 
genötigt einzuräumen, daß es schlechte Lüste gibt? 
Adeimantos. Sicherlich. 
Sokrates. Ist es also nicht klar, daß es sich dabei um 
eine viel und stark umstrittene Sache handelt? 
Adeimantos. Unzweifelhaft. 
Sokrates. Und weiter: Ist es nicht klar, daß, wo es 
sich um Gerechtes und Schönes handelt, viele sich mit 
dem bloßen Schein begnügen und es, auch wenn keine 
Wahrheit dahinter steht, doch tun und besitzen und sich 
an den Schein halten, während sich beim Guten niemand 
damit zufrieden gibt, bloß das Scheinbare zu besitzen, 
sondern jeder dem wirklich Vorhandenen nachstrebt und 
den bloßen Schein hier mit Verachtung von sich weist? 
Adeimantos. Gewiß. 
Sokrates. Eine jede Seele also strebt dem Guten 
nach und läßt um seinetwillen nichts ungetan, in der 
Ahnung, daß ihm doch ein Sein zukomme, dabei aber 
doch schwankend und unvermögend es in seiner wahren 
Bedeutung befriedigend zu erfassen und zu einer festen 
Überzeugung darüber zu gelangen wie bei anderen 
Dingen, was denn auch der Grund ist, daß sie auch das 
25
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.