Full text: Ethik

aber nun alle besagten Regeln hypothetische Imperative 
sind, weil unentschieden bleibt, ob die Absicht, zu welcher 
sie gebraucht werden, gut ist: so muß der kategorische 
Imperativ ebenfalls hypothetisch bleiben, wenn man 
nicht darauf zurückgehen will, daß der Begriff des Guten 
vor Aufstellung der sittlichen Gesetze bestimmt sein muß. 
Denn sonst ist noch nicht entschieden, ob vemunftmäßig 
Handelnwollen gut ist; und das Gebot dazu kann dem¬ 
nach nie anders lauten als so: Wenn du vernünftig sein 
willst, so handle so. Nehmen wir aber an, daß natürlich 
alle verschiedenen Methoden und Stile einer Kunst in 
ihren Verhältnissen zueinander einer Konstruktion fähig 
sein müssen, und in dieser angeschaut ein Ganzes bilden, 
so daß jeder, der etwas Tüchtiges hervorbringen will, 
nach einer von diesen verfahren muß: so wird offenbar 
in diesem Fall der technische Imperativ ein disjunktiver, 
und diese Lücke wäre demnach ausgefüllt. Vergleichen 
wir nun hier mit dem individuellen sittlichen Handeln 
das einzelne, und denken uns, wie kaum anders möglich, 
wenn wir die menschliche Natur als Gattung betrachten, 
die verschiedenen Gestaltungen der Intelligenz innerhalb 
derselben auch als einen Zyklus: so ergibt sich von selbst 
das gleiche, daß nämlich der ursprünglich kategorische 
Imperativ an die Gesamtheit der einzelnen gerichtet als 
Ausdruck des allgemeinen sittlichen Willens ebenfalls in 
der Anwendung der Formel auf die einzelnen disjunktiv 
werden muß. Der allgemeine Wille, vernünftig zu sein, 
muß sich an dem einzelnen entweder so gestalten oder 
so. Ja noch auf andere Weise kann man sagen, wenn 
man auf die Gesamtheit der sittlichen Handlungen sieht, 
daß, wenn in dem Vernunftwesen der allgemeine sitt¬ 
liche Wille gesetzt ist, alle besonderen Formeln, welche 
sich auf einzelne Klassen von Handlungen beziehen, wie 
dies mit den Pflichtformeln der Fall ist, nichts anders 
sind, als technische Imperative, um jenen allgemeinen 
Willen, dessen Ausdruck allein der kategorische ist, zu 
realisieren. Man nehme noch hinzu, daß die isolierte Be¬ 
trachtung des kategorischen Imperativs am wenigsten 
geeignet ist, eine wissenschaftliche Basis zu werden, weil 
sie nichts darbietet zwischen der Einheit des Prinzips 
und der Unendlichkeit einzelner Fälle der Anwendung, 
also die Vielheit gar nicht gestalten kann; und nur das 
Disjunktive ist auch bei Kant das Prinzip aller wissen-
	        

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