Full text: Ethik

XV. 
Schleiermacher 
(1758—1834). 
Gestaltung der Sittenlehre.1 
110. Das in der Sittenlehre als ein Mannigfaltiges zu S. 550—555 
entwickelnde Einssein der Vernunft und Natur läßt sich 
vereinzeln zuerst als die Mannigfaltigkeit von Gütern, 
inwiefern Vernunft und Natur jedes Gegensätze in sich 
schließen, und es also viele zusammengehörige, aber von 
einander gesonderte für sich gesetzte und in der Wechsel¬ 
wirkung von Kraft und Erscheinung sich erhaltende 
Arten giebt, wie sie teilweise eins sind. 
Daß jedes Einssein bestimmter Seiten von Vernunft 
und Natur ein Gut heißt, ist ganz gemäß der Bedeutung 
des Wortes in dem Gegensatz von gut und böse. Denn 
in jedem solchen Begriff ist nur das Ineinandersein von 
Vernunft und Natur gesetzt; und dieses ist selbständig 
gesetzt, inwiefern es sich ähnlich dem Ganzen auf orga¬ 
nische Weise erhält. Aber auch nur so, denn sonst wäre 
auch das Wiederauseinandergehen von beiden schon mit 
gesetzt, und es wäre kein Gut. Es muß aber so gewiß eine 
Mannigfaltigkeit von Gütern geben, als Vernunft und 
Natur einen oberen Gegensatz bilden und unter sich eins 
sind. 
IXI. Dann als die Mannigfaltigkeit von Tugenden, so¬ 
fern es verschiedene Arten geben kann, wie die Vernunft 
als Kraft der Natur ein wohnt. 
Auch der gemeine Sprachgebrauch bezeichnet durch 
Tugend nichts anderes. Die Vereinzelung kann sich aber 
gründen teils auf die mannigfaltigen Verrichtungen der 
Natur, teils auf die mannigfaltigen Einwohnungen der 
Vernunft. So gewiß es aber diese giebt, giebt es eine 
Vielheit von Tugenden. 
1 Aus der Ethik von 1816, in Schleiermachers Werke herausg. 
von Otto Braun. Bd. II, S. 550—555. Verlag Felix Meiner, Leipzig. 
167
	        

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