Full text: Zur Lehre vom Gemüt

Zur Lehre vom Gemüt. 
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Was der Sinn der Worte „Lust“ und „Unlust“ sei, ist 
einem Jeden ebenso klar, als was der Sinn der Wrorte 
„gerade“ und „krumm“, „rund“ und „eckig“, „rot“ und 
„grün“ sei; also das Gegebene, Lust und Unlust genannt, ist 
Allen bekannt, so daß es keiner näheren Weisung bedarf, um 
dieses als Gegenstand einer Untersuchung genügend heraus¬ 
zustellen. 
Wenn wir nun von „Gefühl“ reden und damit in allen 
Fällen eine Lust oder eine Unlust meinen, wenn wir, mit 
anderen Worten, Lust und Unlust Gefühle nennen, so möchte 
es scheinen, als ob „Gefühl“ den Gattungsbegriif für Lust und 
Unlust bezeichne, also „Gefühl“ das gemeinsame Allgemeine1) 
der Lust und der Unlust bedeute. Indes dieser Schein trügt! 
Lust und Unlust stehen als Gegebenes in einem so völligen 
Gegensätze zueinander, daß es schlechterdings unmöglich ist, 
ein ihnen gemeinsames Allgemeines herauszufinden, das beiden 
eigen wäre, so daß sie sich in dem Allgemeinen gleich und 
nur in ihrer Besonderheit verschieden erwiesen. 
Aber, wenn das W7ort „Gefühl“ nicht einen „Gattungs¬ 
begriff“, also nicht ein gemeinsames Allgemeines von Lust 
und Unlust bedeuten kann, wie es denn zu verstehen, daß man 
doch von Lust und Unlust gleicherweise als Gefühlen redet 
und mit Grund so redet? Dann ist doch immerhin mit 
dem Wort „Gefühl“ ein Begriff bezeichnet, der eben als 
Bestimmung von Lust und Unlust in den Urteilen „Lust ist 
ein Gefühl“ und „Unlust ist ein Gefühl“ sich findet. Wir 
fragen daher, was die Bestimmung „Gefühlsein“ sage, wenn 
sie nicht „Gefühl“ als gemeinsames Allgemeines von Lust 
und Unlust behaupten kann, jene Urteile also nicht auf 
gleicher Linie stehen mit „der Baum ist ein Ding (Körper)“ 
und „der Teller ist ein Ding“! Die Antwort liegt auf der 
Hand. 
„Ding“ ist zweifellos ein Gattungsbegriff, „Ge¬ 
fühl“ aber ebenso zweifellos ein Beziehungsbegriff. In 
dem Satze „Lust ist ein Gefühl“ sagen wir von dem Ge¬ 
gebenen „Lust“ als seine Bestimmung eine Beziehung zu einem 
*) Siehe Eehmke, Philosophie als Grundwissenschaft, S. 79,
	        

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