Volltext: Zur Lehre vom Gemüt

Man hat oft in scherzendem Stolz darauf hingewiesen, 
daß nur der Deutsche in seiner Sprache ein besonderes Wort 
für das bestimmte Gegebene besitze, das er eben in dem 
Worte „Gemüt“ zum Ausdruck bringt. Mancher hat darauf¬ 
hin wohl sogar in scherzhaftem Ernste gemeint, nur der 
Deutsche habe überhaupt Gemüt. Niemand wird freilich im 
vollen Ernste dies behaupten, sondern das, was er „Gemüt“ 
nennt, dem menschlichen Bewußtsein schlechtweg zubilligen. 
Aber wenn er dann gefragt wird, was er unter „Gemüt“ ver¬ 
stehe, so mag es ihm, der dieses Wort als altvertrautes zu 
gebrauchen gewohnt ist, ungeahnte Schwierigkeiten bereiten, 
den Sinn des Wortes sich klar zu machen; also das Ge¬ 
gebene, dessen Ausdruck es ist, fraglos zu bestimmen. 
Das Wort „Gemüt“ treibt in der Tat auch heute noch 
durch unsere Sprache geheimnisvoll und vieldeutig. 
Ein geistreicher Schriftsteller, der Hegelianer K. Rosen¬ 
kranz, hat dies im Auge, wenn er in seiner Psychologie 
(2. Aufl., S. 342) sagt, das Wort „Gemüt“ werde von uns immer 
gebraucht, sobald uns sonst nichts Gescheidtes einfalle. 
Das Unbestimmte, das seinem Gebrauch anzuhaften pflegt, 
ist man aber wohl geneigt, der Sache, die das Wort zum 
Ausdruck bringen soll, zur Last zu legen, indem man meint, 
sie selbst sei etwas „so tief Innerliches“, das sich eben deshalb 
dem klaren Lichte des Tages verberge und in geheimnis¬ 
vollem Zwielicht verharre. 
Indes, so vielsagend auch heute noch das Wort „Gemüt“ 
sich finden mag, in allem Gebrauch tritt doch das Gemeinsame 
hervor, daß es auf jenes Gebiet menschlichen Seelenlebens 
eingestellt ist, das wir das Gefühlsleben nennen. Aber eben 
hierauf meint man dann wiederum die Tatsache, daß der Sinn 
Kohmke, Gemüt. 1
	        

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