Full text: Historische Blicke auf das Land an der Saar (45)

typologische Auswertung, natürlich stets nur demonstriert an ausgewählten Bei¬ 
spielen, lag in den Händen des Romanisten Max Pfister und des germanistischen 
Autors dieser Zeilen. 
Ich darf wohl für meinen Kollegen und Freund mitsprechen, wenn ich sage, dass 
wir beide mit diesen Materialien viel Arbeit gehabt haben, aber es war keine un- 
niitziu arebeit, um einen mittelhochdeutschen Dichter aus Alemannien zu zitieren, 
sondern wir haben beide bald den großen Nutzen, den Sprach- und Wortge¬ 
schichte, aber dann auch die Siedlungsgeschichte, aus dem früh überlieferten Na¬ 
menmaterial ziehen konnten, erkannt: Wie viele Erstbelege für sonst erst viel spä¬ 
ter belegte Wörter des Französischen konnten vom Romanisten gefunden und in 
neuere Arbeiten eingebracht werden! Ja, bedeutsame Lautprozesse der Romania, 
wie etwa die Sonorisierung von [p, t, k] zu [b, d, g] - so bei pratum > prado 
,Wiese‘ - wie etwa die Palatisierung der Verschlusslaute [k] und [t] vor den pala¬ 
talen Vokalen [i, e], also lateinisch makeria > matzerie > maiziere ,Mauerwerk1 
oder kervus ,Hirsch4 >Zerf (Ortsname im Hochwald) > französisch cerf dann de- 
kem ,zehn‘ > Detzem (Ortsname bei Trier) konnten mit diesem Material präziser 
datiert werden. So zeigte sich, dass solche Prozesse an den Rändern der Romania 
später angesetzt werden müssen als im Zentrum (Pfister 1987, 1992; Klei¬ 
ber/Pfister 1992). Für die deutsche Sprachgeschichte konnte gezeigt werden, dass 
Teile der sogenannten hochdeutschen Lautverschiebung, das heißt die Verschie¬ 
bung von altem [t] zu [ts] (geschrieben zumeist <z, tz>) in Lothringen, an der Saar 
und an der Mosel in vorgermanisch-romanischen Namen nicht durchgeführt wur¬ 
den. Wurde lat. taberna in der Pfalz und im Eisass zu Zabern mit [ts], so blieb es 
zwischen Saar und Mosel Tawern, sogar mit romanischem Paenultima-Akzent 
(vgl. Karte 2). Oder heißt es an der Nahe für eine Weinpflanzung Pflanzer < lat. 
plantarium, so an der Mosel Planier mit erhaltenem [t]; dieses [t] bleibt auch er¬ 
halten in Montenach < Montanacum, Mettlach, Taben, Tholey < *Tegul-eium Zie¬ 
gelhaus ‘, im Gewässernamen Theel etc. etc. Das bedeutet, dass im 6. Jahrhundert, 
als die t-Verschiebung sich am Rhein und in Alemannien vollzog, zwischen Saar 
und Mosel noch weitgehend Romanisch gesprochen wurde (vgl. Haubrichs 1987, 
1992, 1997, 1998b, 2003; Pitz 2000a, 2008; Schorr 2001a, 2011). Weitere Analy¬ 
sen auf der Grundlage der Toponymie haben gezeigt, dass sich der Sprachwechsel 
- sicherlich nach einem bilingualen Stadium - erst im 8. Jahrhundert vollzog, im 
engeren Raum um Trier erst im 10. Jahrhundert. Und das wiederholt sich in der 
Region um Basel, den Sundgau, Solothurn und Kaiseraugst (Haubrichs 2003). 
Einen Blick auf diese Reliktromania im Grenzraum Saarland-Lothringen erlaubt 
die Karte 3 aus einer Arbeit von Monika Buchmüller, mir und dem Geographen 
Rolf Spang über die Geographie vorgermanischer Ortsnamen (1987). 
Auf philologischer Seite entstanden einige auf die Typologie von Siedlungs¬ 
und Landschaftsnamen gerichtete Arbeiten (vgl. Bibliographie auf S. 44ff): 
• Monika Buchmüller-Pfaff (1990) über die vorgermanischen keltischen und 
römischen, aber zum Teil auch noch merowingischen -acww-Namen in der 
römischen Provinz Belgica Prima um Trier, Metz, Toul, Verdun, die stets aus 
einem Personennamen und dem ursprünglich keltischen Suffix -acum kompo¬ 
niert waren: Also Martiacum aus Martius + Suffix mit der Bedeutung ,Gut des 
Martius4, deutsch entwickelt heute Merzig; oder Montaniacum zum Personen¬ 
namen (künftig: PN) Montanius, französisch entwickelt heute Montagny (fast 
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