Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Ehemänner ein und verkörpern so ex silentio ein Ideal, an dem sich Weißblume verfehlt. 
Dieses Profil Weißblumes aus Loher und Maller ist auch für den Huge Scheppel vorauszu¬ 
setzen,11 in dem sich folglich eine interessante Frage stellt: Wie will eine unberechenbare 
Regentin ohne männlichen Nachkommen die gefährliche Lage meistern, in der sich 
Frankreich nach dem Tode König Ludwigs befindet, da nun die Stunde der Verräter ge¬ 
kommen ist, denen Weißblume schon einmal vertraut hat? Das Herrscherinnen-Thema, 
das sich auch im Bildprogramm der Hamburger Handschrift ausführlich niederschlägt, ist 
ein fester Bestandteil der Huge Scheppel-Konzeption und trägt zum literarischen Reiz des 
Werkes erheblich bei.12 
Als im Huge Scheppel die bösen Ratgeber bei Hof vorstellig werden (Abb. 2) und für ei¬ 
nen der ihrigen, den Grafen Savari, die Hand der Königstochter verlangen, verhält sich 
die von diesem Gedanken angewiderte Königin nach außen neutral und antwortet, man 
werde sich beraten (vgl. Huge fol. 61). Doch Marie, ihre anwesende Tochter, verliert - 
menschlich verständlich, aber politisch sehr ungeschickt — die Contenance und be¬ 
schimpft den Grafen Savari öffentlich als den Mörder ihres Vaters, was dieser kühl zu¬ 
rückweist. Als Marie erneut aus der Haut fährt, beschließen die Verräter, denen inzwi¬ 
schen genügend Beleidigungsgründe geliefert worden sind, die Königstochter gleich in 
Gewahrsam zu nehmen, was auch geschehen wäre, wenn sich nicht die Königin vor ihnen 
auf die Knie geworfen und durch die einlenkenden Worte, man solle morgen wieder¬ 
kommen, dann werde sie nach einer Beratung mit den Bürgern von Paris ihre Tochter 
aushändigen, die gefährliche Situation gerettet hätte (vgl. Huge fol. 6V). 
Im Gegensatz zu Marie geht Weißblume hier sehr geschickt vor: Mit ihrem Kniefall in¬ 
szeniert sie Schwäche11— die Verräter glauben auch, die Königin eingeschüchtert („vast 
erschracken“, Huge fol. 6'h) zu haben —, und gewinnt dadurch Zeit. Die nutzt sie, um die 
Bürger der Stadt eindringlich vor der mangelnden charakterlichen Eignung des Grafen 
Savari zu warnen (Abb. 3), wobei sie auch politisch argumentiert - sollte Savari König 
werden, werde das Reich verarmen (vgl. Huge fol. 7rb) -, bevor sie ihre Rede, gestisch ef¬ 
fektvoll, mit einem Ohnmachtsanfall beendet (vgl. Huge fol. 7'a). 
11 Die Figur Weißblumes wird bei Fdisabeth keineswegs „inkonsequent ausgeführt“, wie Gaebel: Chansons de 
geste (wie Anm. 4), S. 45 meint. Weder ist sie in Loher und Malier als schwach und ausschließlich negativ 
noch in Huge Scheppel als eindeutig positiv dargestellt. Ein kundiges Publikum kannte unter Umständen 
bereits aus dem altfranzösischen Wilhelmszyklus das schillernde Wesen dieser Figur, das auch im Wil¬ 
lehalm Wolframs von Eschenbach die Ehefrau König Ludwigs kennzeichnet. 
12 Benutzt werden die folgenden Ausgaben: I fuge Scheppel / Königin Sibille. Übertragen aus dem Französischen von 
Elisabeth von Nassau-Saarbrücken. Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek, Cod. 12 in scrinio (Codices illumi¬ 
nati medii aevi 26). Farbmikrofiche-Edition. Einführung zum Text und Beschreibung der Handschrift 
von Jan-Dirk Müller, München 1993; Der Huge Scheppel der Gräfin Elisabeth von Nassau-Saarbrücken nach der 
Handschrift der Hamburger Stadtbibliothek (Veröffentlichungen aus der Hamburger Stadtbibliothek 1). Mit 
einer Einleitung von Hermann Urtel, Hamburg 1905. 
13 Dass die deditio ein taktisch einsetzbares Mittel darstellt, zeigt Althoff, Gerd: „Das Privileg der deditio. 
Formen gütlicher Konfliktbeendigung in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft“, in: Ders.: Spielregeln der 
Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997, S. 99-125. 
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