Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Zu den Herrscherinnenfiguren im Werk 
Elisabeths von Nassau-Saarbrücken 
Tomas Tomasek 
1. Vorbemerkung 
Am Ende der Dichtungen der Frau Ava, der ersten namentlich bekannten, deutschspra¬ 
chigen Autorin, findet sich die folgende Passage: 
Dizze buoch dihtote zweier chinde muoter. 
diu sageten ir disen sin, michel mandunge was under in. 
der muoter waren diu chind liep, der eine von der werlt seiet. 
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dem wunsket gnaden und der muoter, daz ist AVA.1 
in diesen Schlusssätzen wird eine Epikerin aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts nicht 
nur namentlich hervorgehoben, sondern auch durch die Aussage, ihre zwei Söhne „sa¬ 
geten ir disen sin“, als Verfasserin religiöser Dichtungen legitimiert: Avas Künder dürften 
Geistliche gewesen sein, die das religiöse Interesse ihrer Mutter nicht nur geteilt, sondern 
auch ihr Dichtertum gestützt haben, da weibliches geistliches Schreiben im Mittelalter der 
Rechtfertigung bedurfte. 
Punktuell vergleichbar ist hiermit die Schlussbemerkung des 'Loher und Maller der Gräfin 
Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, der frühesten namentlich bekannten deutschen Ro¬ 
manautorin: 
vnd dis büch tet schriben in welscher sprach ein edele wolgebome frowe die was genant frowe Mar- 
grette greffynne zu wyedemont und frowe zu Gcnville hertzog fryderichs von lottringen graften zu 
wiedemont husfrawe In den Iaren vnsers Herren tusent vierhundert und fünff lare Vnd ist diß buch 
ouch vorbaß von welsch zu dutsch gemacht durch die wolgeborne frowe Elizabeth von llotringen 
grefffynne wvtwe zu nassauwe vnd Sarbrucken/ der vorgenanten herzog friderichs vnd frowe Margre¬ 
ten tochter/ die es durch sich selbs also bedütschet hat Als es hie vor an beschriben stat vnd ist vol- 
lenbracht in den Iaren tusend vierhundert sieben vnd dryssig Nach der gebürt cristi unsers Herren 
Der uns nu vnd vmmer welle schirmen vnd bewaren2 
Auch hier wird die Tätigkeit einer mittelalterlichen Literatin in generationsübergreifen- 
den Familienstrukturen verortet, doch verfügt die Fürstin des Spätmittelalters über ihren 
profanen Stoff, der für sie einen lothringischen Ftaus-Stoff darstellt, vorbehaltloser als die 
Dichterin des 12. Jahrhunderts. Elisabeths literarisches Interesse ist in der Nachfolge ihrer 
Mutter gleichsam dynastisch legitimiert, während Frau Ava von ihren Söhnen den für ihr 
Dichten erforderlichen geistlich-männlichen Rückhalt erhält. 
Frau Ava zollt in ihrer religiösen Epik weiblichen Figuren durchaus Beachtung, doch 
1 Die Dichtungen der Frau Ava (Altdeutsche Textbibliothek 66). Friedrich Maurer (Hg,), Tübingen 1966, 
S. 68 (Das Jüngste Gericht, 35). 
2 Benutzt wird die folgende Ausgabe: Loher und Maller. Übertragen aus dem Französischen von Elisabeth von Nas¬ 
sau-Saarbrücken. Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek, Cod. 11 und 11 a in scrinio (Codices illuminati me¬ 
di aevi 35). Farbmikrofiche-Edition. Literar- und kunsthistorische Einführung und kodikologische Be¬ 
schreibung von Ute von Bloh, München 1995, hier fol. 143v. 
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