Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

1.2. Die Enseignements als Spiegel der Lebenserfahrung 
Die Erfahrungen als Mitglied der königlichen Familie, als ,fille de France', und als Politi¬ 
kerin bestimmen weitgehend, so meine These, die Lehren, die Anne de France ihrer 
Tochter gibt und unterscheidet die Enseignements von anderen Frauendidaxen der Zeit. 
Zunächst gibt es — darauf ist in der Forschung immer wieder hingewiesen worden " — 
eine Akzentverschiebung im Vergleich zu den traditionellen Erziehungslehren: Für Anne 
hat zwar — wie für die traditionellen Verhaltenslehren auch — die religiöse Unterweisung 
Priorität, daneben aber entwirft sie eine höfisch geprägte Adelsethik. Dabei orientiert sie 
sich sehr stark an den praktischen Anforderungen des Floflebens und geht auf alle er¬ 
denklichen Situationen ein, mit denen ihre Tochter als Vertreterin des Hochadels kon¬ 
frontiert werden könnte. Sie gibt Ratschläge für den Fall, dass sich Susanne in den Dienst 
einer höhergestellten Dame begeben muss, aber auch für den (wahrscheinlicheren) Fall, 
dass sie selbst Herrin ist. Sie unterrichtet Susanne in ihren Pflichten als Herrin, Ehefrau, 
Gastgeberin, Erzieherin ihr anvertrauter Kinder und Mutter und — gegebenenfalls - als 
Witwe. Gerade in diesen praktischen Bereichen kommt ihre Erfahrung als Regentin und 
Herzogin immer wieder zum Tragen. 
Auch ganz traditionelle Verhaltensregeln erscheinen im Licht der eigenen Erfahrung. 
Als Politikerin formuliert sie die gängige Vorschrift, nach der eine Frau nicht neugierig 
und nicht schwatzhaft sein soll, in eine höfisch-politische Regel um: Susanne soll alles hö¬ 
ren, sehen und beobachten — aber nicht über das so Erfahrene reden. Der Satzanfang lei¬ 
tet auf den ersten Blick aus der ,Lehre der Weisen' ein allgemeines Gebot für Frauen ab, 
sich nicht in öffentliche Angelegenheiten einzumischen. Aber Anne schränkt dies ein: Nur 
junge Frauen müssen sich zurückhalten.2' Für eine reife Frau und erfahrene Politikerin 
wie Anne gilt implizit nur die taktische Seite der Regel.22 24 25 Auch die Warnung, sich durch 
Vorhaltungen anderen gegenüber unbeliebt zu machen, trägt Spuren eigener Erfahrung. " 
Überdies dient die Verschwiegenheit der eigenen Ehre. Anne führt ihrer Tochter sehr 
eindrücklich vor Augen, dass sie niemandem wirklich trauen kann. Auch hier scheint hin¬ 
ter den Ausführungen die eigene Erfahrung durchzuscheinen. Anne spricht von Freund¬ 
schaften, die zerbrechen (S. 94/76f.) und davon, dass nicht einmal die Familienehre garan¬ 
tiert, dass ein Geheimnis bewahrt wird (S. 96f./78). Anne schreibt dies dem Zustand der 
22 Vgl. etwa Clavier/Viennot: Anne de France (wie Anm. 1), S. 18. 
23 „Aussi, ma fille, au regard de la court, il n’apartient à femme jeune de soy mesler ne embesogner de plu¬ 
sieurs choses, et dient les saiges que on doit avoir yeulx pour toutes choses regarder, et rien veoir, oreilles 
pour tout ouyr et rien sçavoir, langue pour respondre à chascun, sans dire mot qui à nully puisse estre en 
rien préjudiciable“ (S. 20/45f.). 
24 „il n’apartient à femme jeune de soy mesler ne embesogner de plusieurs choses“; Anne hat als Regentin ihre 
Gegner immer wieder dadurch überrascht, daß sie über alles informiert war, aber niemand ihr Handeln 
vorhersehen konnte. Vgl. dazu das Zitat von Brantôme oben S. 286. 
25 „Au sur plus, gardez vous, à qui que ce soit, de faire nulz rapportz, car aulcunes fois, plusieurs en ont fait 
de bien justes et raisonnables, et à bonne intention, qui, depuis, en ont esté hays, et eu beaucop à souf¬ 
frir.“ (S. 22f./46). 
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