Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

3. Herrschaft ohne Töchter? 
Wie schon }an-Dirk Müller mit Bezug auf den Hug Schapler betont hat, „antwortet Hel¬ 
denepik (immer noch) auf ein aktuelles politisches Problem“, nämlich als „die Söhne 
Philippes IV le Bel (1285-1314) nacheinander ohne männlichen Erben starben“", 1317 
Frauen von der Thronfolge ausgeschlossen wurden und der Streit um die Nachfolge Karls 
IV. letztlich den Ausgangspunkt des Hundertjährigen Krieges zwischen England und 
Frankreich bildete. Elisabeths Hug Schapler führt die Aporie heroischer Existenz an einem 
Protagonisten vor, der wie kaum ein anderer Held der chanson de geste trotz mangelnder ge¬ 
nealogischer Zugangsqualifikation aufgrund der mütterlichen Abstammung vom ,Metz¬ 
gers Geschlecht4 geradezu einer Inkarnation feudaladeliger Qualitäten und feudaladeligen 
Selbstverständnisses gleichkommt, zugleich aber qua Erzähllogik und eigenem Beschluss 
ein einzigartiger Fall ohne Nachfolger bleiben wird. Den Außenseiter, der ohne einschlä¬ 
gige dynastische Qualifikation aus eigener Kraft durch Heirat zum noch dazu vorbildli¬ 
chen König wird, wird es nach Inkrafttreten des Erbfolgegesetzes, das die zwölf Räte der 
Königin nach Hugs Verehelichung beschließen, nie mehr geben können. Die Beschrän¬ 
kung auf die männliche Erbfolge kann freilich dem außergewöhnlichen Helden und zehn¬ 
fachen Vater außerehelicher Sohne wenig anhaben: 
Aber gott fügt es mit Hugen das es noch nye von synem geschlecht kam/ dann er gewann viel sün mit 
der künigin. (293) 
Auch hier unterläuft also die Erzählstrategie jene Sinnkonstruktion, die sie gerade erst 
scheinbar erfolgreich etabliert hat: Erscheint im Hug Schapler die Möglichkeit weiblicher 
Erbfolge schlussendlich als einzigartige Chance, den bestqualifizierten Helden, nicht den 
qua Geburt dafür vorgesehenen, als König zu gewinnen, so wird durch den zukünftigen 
Ausschluss weiblicher Erbfolge eben dies verhindert. 
[an-Dirk Müller hat anlässlich früherer Überlegungen zum Hug Schapler gezeigt, dass 
„die handschriftliche Überlieferung wesentlich stärker als die gedruckte Prosa die gemein¬ 
schaftsbildende und normbestätigende Funktion der Heldenepik bewahrt hat“.1“ Eine Er¬ 
neuerung der Epen durch Elisabeth von Nassau-Saarbrücken war letztendlich nicht wirk¬ 
lich nötig, denn „grundsätzlich war diesseits der Sprachgrenze das Verhältnis zur Vergan¬ 
genheit kein anderes“.1 Das Bildprogramm der Handschriften für Johann III. zeige je¬ 
doch deutlich den Wunsch nach Teilhabe, und es entstehe dadurch eine deutliche Verla¬ 
gerung, weg vom Einzelgeschehen hin auf „kollektiv bedeutsame Vorgänge“, insbesonde¬ 
re solche, die den Herrscher inmitten seines Hofes zeigen.11 14 — Mit anderen Worten: Auch 
im Fall der chanson de geste-11 andsch ri ften Elisabeths wird die Materialität der Überlieferung 
zukünftig viel stärker als bisher Berücksichtigung finden müssen. Erst aus diesem Kontext 
heraus lassen sich die verdienstvollen Einzelbeobachtungen, wie sie zuerst schon Wolf¬ 
gang Liepe: gesammelt hat — etwa die Auszeichnung Elisabeths durch sprachliche Attri- 
11 Müller: Romane des 15. und 16. Jahrhunderts (wie Anm. 1), S. 1105 bzw. 1104. 
12 Müller: „Späte Chanson de geste-Rezeption“ (wie Anm. 1), S. 209. 
13 Ebd., S. 208. 
14 Ebd., S. 214f. 
lD Vgl. Liepe, Wolfgang: Elisabeth von Nassau-Saarbrücken. Die kulturellen und literaturgeschichtlichen Grundlagen 
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