Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Werk, folge sie insbesondere im ersten Teil ihrer Quelle „sklavisch eng“,'4 und auch Hans 
Hugo Steinhoff vermerkt im X^erfasserlexikon, die Übersetzung halte sich „bis in die Syntax 
hinein eng an die Vorlage“;’" dieses wird häufig zu Unrecht generalisierend auf alle vier 
Übersetzungen übertragen, womit oft gleichzeitig auch Elisabeths schöpferische Leistung 
abgewertet wird."’ Im vorliegenden Beitrag soll keineswegs der enge Zusammenhang zwi¬ 
schen Quelle und Übersetzung in Frage gestellt werden, jedoch erscheint es berechdgt, 
nicht nur diesen Zusammenhang zu betonen, sondern gerade die eventuellen Differenzen 
genauer zu analysieren: Welche Freiheiten erlaubte sich Elisabeth bei allem Respekt vor 
den Vorlagen, und zwar jenseits der bereits seit längerem bekannten dezenteren Gestal¬ 
tung der Sexualhandlungen?' Es wird dabei, wie häufig im Bereich der Untersuchung 
weiblicher Spielräume im Mittelalter, um Nuancen gehen. " Denn dass Elisabeths Frauen¬ 
gestalten „männerfixiert, unselbständig und etwas dümmlich“ seien, wie Ursula Liebertz- 
Grün noch im Jahr 1985 vermerkte,v ist zwar eine im Rahmen feministischer Debatten 
verständliche Einschätzung, überzeugt jedoch in historischer Perspektive kaum;4' betrach¬ 
tet man insbesondere die Königin Sibille und den Huge Scheppel näher, so zeigt sich im Ge¬ 
genteil vielmehr, dass die dargestellten Protagonistinnen den ihnen zugemessenen Raum, 
auch wenn dieser zeitgebunden eingeschränkt gewesen sein mag, zu nutzen wissen.34 41 
34 Liepe: Elisabeth (wie Anm. 19), S. 119. 
^ Steinhoff: „Elisabeth“ (wie Anm. 18), Sp. 484; vgl. Sp. 487. 
36 Liepe: Hlisabeth (wie Anm. 19) bezeichnet Elisabeth als eine „brave Übersetzerin“, siehe S. 119. Jüngste 
Forschungsergebnisse weisen aufgrund der neu aufgefundenen Fragmente der französischen Fassung 
des Lober und Maller aus, dass Elisabeth gerade bei diesem Text stark in die Vorlagen eingriff (Haubrichs: 
„Kurze Forschungsgeschichte [wie Anm. 5], S. 20f,, Anm. 21, mit weiterer Literatur). 
Siehe dazu Liepe: Hlisabetb (wie Anm. 19), S. 120h; Steinhoff: „Elisabeth“ (wie Anm. 18), Sp. 487. 
35 George Dubys Bezeichnung der Frau im Mittelalter als eine „Frau ohne Stimme“ (so der deutsche Titel 
einer Sammlung seiner Aufsätze, siehe Duby, George: Die brau ohne Stimme. Hiebe und Hbe im Mittelalter, 
Berlin 1988) erweist sich als ein wirkmächtiges Vorurteil. Liebertz-Grün, Ursula: „Autorinnen im Um¬ 
kreis der Höfe“, in: Hiltrud Gnüg / Renate Möhrmann (Hg.): Frauen-Literatur-Geschicbte. Schreibende brauen 
vom Mittelalter bis %ur Gegenwart, Stuttgart 1985, S. 16-34, hier S. 33, bezeichnet das „Frauenbild“ Elisabe¬ 
ths (ausschließlich) anhand ihrer Erzählungen als „wenig aufgeklärt — oder im heutigen Sprachgebrauch 
schlichtweg als repressiv“. Vgl. differenzierter zur Position von Frauen im Mittelalter in Realität und 
Literatur Ennen, Elisabeth: brauen im Mittelalter, München 1984; Kellermann-Haaf, Petra: brau und Politik 
im Mittelalter. Untersuchungen -gur politischen Rolle der brau in den höfischen Romanen des 12., 13. und 14. 
Jahrhunderts (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 456), Göppingen 1986; Bennewitz-Behr, Ingrid: „Me- 
lusines Schwestern. Beobachtungen zu den Frauenfiguren im Prosaroman des 15. und 16. Jahrhun¬ 
derts“, in: Norbert Oellers (Hg.): Germanistik und Deutschunterricht im Zeitalter der Technologie. Selbstbestim¬ 
mung und Anpassung. Vorträge des Germanistentages Berlin 1987, Bd. 1: Das Selbstverständnis der Germanistik. 
Aktuelle Diskussionen, Tübingen 1988, S. 291-300. 
39 Liebertz-Grün: „Autorinnen“ (wie Anm. 38), S. 33; siehe kritisch dazu Stiller: Die unschuldig verfolgte (wie 
Anm. 31), S. 169£, und Gaebel: Chansons degeste (wie Anm. 1), S. 29f. 
40 Zur Entwicklung der feministischen Forschungsansätze im Bereich der Mediävistik siehe zuletzt Stiller: 
Die unschuldig verfolgte (wie Anm. 31), S. 8-24, insbesondere S. 10. 
41 Damit sei nicht postuliert, wie unter anderem von Morrison, Susan Signe: „Women Writers and Women 
Rulers: Rhetorical and Political Empowerment in the Fifteenth Century“, in: Women in German Yearbook 9 
(1993) S. 25-48, angegeben, in Elisabeths Werken sei der Geschlechterkampf ein zentrales Thema, wobei 
die Frauen aufrichtiger sprächen als die Männer, so dass ihnen Gehör verschafft werden sollte; vielmehr 
geht es darum, denjenigen kleinen Abweichungen im Sprechen der Figuren nachzuspüren, die Indizien 
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