Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

leitend umrissenen Sinn) kulturvermittelnd initiativ geworden zu sein, ist Eufemias großes 
Verdienst, das ihr die Nachwelt mit jahrhundertelanger memoria gedankt hat. Nur das ak¬ 
tuelle Primäranliegen Eufemias hat die Rezeptions- und Uberlieferungsgeschichte früh aus 
den Augen verloren, weil es sich mit ihrem Tod und Ingeborg-Eriks endlicher Hochzeit 
erübrigte. Alle anderen angezeigten Intentionen aber wirkten fort — in einigen Abschriften 
scheint sogar der Aspekt spezifisch weiblicher Literaturpolitik ,federführend4 gewirkt zu ha¬ 
ben. " Mit diesen Wirkungsbezügen blieb auch das Bewusstsein für die damit verbundene 
historisierende, quasi ,trans-fiktionale£ Faktur des Zyklus langfristig präsent, der, so hete¬ 
rogen er sich stofflich, gattungstypologisch und den Stil- und Sprachtraditionen nach dar¬ 
stellt, konzeptionell und funktional doch zu einem bruchlos geschlossenen Ganzen gestal¬ 
tet wurde. Anders lassen sich die Uberlieferungsbefunde noch rund zweihundert Jahre 
später kaum erklären: Keine fiktionalen Romane, sondern ein weites Spektrum historisch¬ 
chronistischer, geographisch-enzyklopädischer, medizinisch-diätetischer und religiös¬ 
didaktischer Literatur in lateinischer, schwedischer und mittelniederdeutscher Sprache, in 
Vers und Prosa, säumt und umgibt den I fsor-Zyklus in allen zehn Sammelhandschriften, 
die ihn als ganzen oder partiell enthalten. 1 Dazu kommen Epen des Antiken-, Dietrich- 
und Karlskreises, die im Verständnis der Zeit auch nicht Fikdon, sondern im Kern Vor¬ 
zeitwissen und historia boten. Märchenhaft-Phantastisches oder einfach nur ,Belletristi- 
$ches‘ sucht man in der I Lror-Uberlieferung vergebens. Offenbar hat es auch der spätmit¬ 
telalterliche Rezipient, hier ganz im Einklang mit der einstigen Gönnerin, neben diesen 
Texten nicht erwartet. 
7f) Zwei Handschriften, die mit den Eufemiavisor mehrere Chroniken und Legenden überliefern, haben 
nachweislich adlige Frauen als Auftraggeberinnen: Ern Elim bok (Cod. Holm. D3) und Fm Märetas bok 
(Cod. Holm. L)4a), beide um 1488. William Layher spricht vorsichtig von einem Indiz weiblicher Kultur¬ 
politik auch hier; vielleicht stehe sogar die politische1 Geste einer Fürstin hinter den Aufträgen (brieflich; 
mit herzlichem Dank für den Hinweis). 
1 Vgl. Layhers Aufstellung (wie Anm. 24), S. 277ff. 
73 Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht auch, dass der Zusammenhang der Ubw-Trias in den Sammelhand¬ 
schriften unverbindlich wird: Immer wieder schieben sich Chroniken, Legenden oder pragmatische Ge¬ 
brauchstexte zwischen sie. Als paradigmatisch sowohl für die Überlieferungsvielfalt als auch für den feh¬ 
lenden Binnenzusammenhang der episch-fiktiven Teile — und damit als Hinweis auch auf das wohl feh¬ 
lende Ranggefälle — sei (Layher\ Queen Eufemias Eegacy [wie Anm. 24], S. 285f.) nur der Inhalt der Sam¬ 
melhandschrift Cod. Holm. D3 {Fm Elim bok, um 1488) skizziert: Herr Iran (paginiert [nicht foliiert!] 3- 
168), Karl Magnus und seine 12 Paladine (169-212), Erikschronik (213-346), Flores (347-407), Valentin und Na¬ 
melos (ein weiteres Epos des Karlskreises, Prosa; 407-461), Heftig Fredrik (461-542), Tungalus (Prosalegen¬ 
de, 543-558), Ulla Pdmkrönikan (559-571), Prosaiska Krönikan (572-591), zwei didaktisch-pragmatische 
Texte (591-626), zwei Annalegenden (627-635) sowie eine Marienlegende (636-641). — Allen Diskussions¬ 
teilnehmern und Gesprächspartnern der Saarbrücker Tagung danke ich an dieser Stelle herzlich für Hin¬ 
weise und Anregungen, die in die Drucktassung eingeflossen sind. 
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