Full text: Zwischen Herrschaft und Kunst

Im Kabinett der Dyctinna: 
Mäzenatentum und Salonkultur im Frankreich der Religionskriege 
Margarete Z i mmerman n 
1. Das Zeitalter der Autorinnen und Mäzeninnen 
Kurz vor ihrem Tod, am Ende des jahres 1940 und inmitten eines die Existenz Europas 
bedrohenden Weltkriegs, verfasst Virginia Woolf einen Essay über Madame de Sevigne 
und entwirft an dessen Ende die nachfolgende Utopie en miniature'. 
Hier ist der Garten, den Europa durch viele Jahrhunderte hindurch bestellt hat; den so viele Genera¬ 
tionen mit ihrem Blut getränkt haben; hier ist er endlich fruchtbar geworden und trägt Blumen. Und 
die Blumen sind nicht jene seltenen und einzelstehenden Gewächse - große Männer mit ihren Ge¬ 
dichten und ihren Eroberungen. Die Blumen in diesem Garten sind eine ganze Gesellschaft erwach¬ 
sener Männer und Frauen, die von Not und Kampf enüastet sind; die in Eintracht zusammen wach¬ 
sen, jedes etwas beitragend, was dem anderen mangelt.1 
Ausgehend von einem utopischen „Wunschort“ in Gestalt eines ,fruchtbaren', Blumen 
bestückten Gartens entwickelt sie die Vorstellung eines konfliktfreien, ,einträchtigen' Um¬ 
gangs der Geschlechter und schließlich jene einer Gesellschaft von Männern und Frauen, 
die den Zwängen der Alltagsrealität enthoben sind und deren Stimmen sich in der Kon¬ 
versation mischen: „Die Stimmen klingen ineinander; da im Garten reden sie alle zusam¬ 
men im Jahr 1678.“3 4 Über diese Metapher erinnert Virginia Woolf an die europäische Sa¬ 
lonkultur und an ihr vorrangiges Medium — die menschliche Stimme. Zwei Fragen stellen 
sich bei der Betrachtung dieser utopischen Miniatur: Besitzt dieser ,Garten', der Salon als 
Lustort der Konversation, der hier eindeutig mit der französischen Klassik verbunden 
wird, eine Vorgeschichte, hat er Vorläufer? Und: Wie ist es um jene Personen bestellt, die 
diese ,Gärten' entstehen lassen und damit eine weitgehende Entlastung ,von Not und 
Kampf überhaupt erst ermöglichen? 
Diese Fragen führen uns in das ,Kabinett der Dyctinna' („le cabinet de Dyctinne“5) — 
den Salon der Claude-Catherine de Clermont, Herzogin von Retz, die nicht nur eine der 
einflussreichsten salonnieres seit etwa 1570 ist, sondern zugleich eine bedeutende Mäzenin. 
,Dyctinna' (,Netzstellerin') ist einer ihrer Salonnamen und verweist auf den Beinamen der 
Jagdgöttin Diana/Artemis; zugleich bezieht sich dieser Name wortspielerisch auf den 
Gleichklang von ,rets' (Netze) und Retz. Von einem eigenständigen literarischen Werk 
kann man in ihrem Falle allerdings kaum sprechen. Sie unterscheidet sich damit von jenen 
1 Woolf, Virginia: „Madame de Sevigne“, in: Dies.: Der Tod des Falters. Essays. Deutsch von Hannelore Fa¬ 
den und Joachim A. Frank, Frankfurt am Main 1997, S. 50-57, hier S. 54f. 
2 Die Unterscheidung von utopischen Wunschräumen und Wunschzeiten findet sich in: Doren, Alfred: 
„Wunschräume und Wunschzeiten“, in: Fritz Saxl (Hg.): Vorträge der Bibliothek Warburg 1924/25, Berlin 
1927, S. 158-205. 
3 Woolf, Virginia: „Madame de Sevigne“ (wie Anm. 1), S. 55. 
4 Vgl. hierzu Bung, Stephanie: „Von der cbambre bleue zum cabinet vert. Der französische Salon des sechzehn¬ 
ten Jahrhunderts“, in: Susanne Thiemann / Judith Klinger (Hg.): Gescbkcbtervariationen. Gender-Kongepte im 
Übergang gur Neuheit, Potsdam 2006, S. 215-223. 
5 Zu diesem Begriff siehe die Ausführungen in Kapitel 5. 
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