Full text: Interferenz-Onomastik

Volker Kohlheim 
Die Integration der nichtgermanischen Heiligen¬ 
namen in das spätmittelalterliche deutsche Rufna¬ 
mensystem 
1. Der Kontakt zweier Namensysteme 
Bekanntlich werden zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert in zunehmendem 
Maße nichtgermanische Namen, vorwiegend von Heiligen und neutestament- 
lichen Personen, in das deutsche Rufnamensystem integriert. Hierbei handelt 
es sich typologisch um einen interlingual-interkulturellen Kontakt, bei dem 
ein fremdes Namensystem mit dem heimischen nicht durch eine interethnische 
koareale Kontaktsituation, sondern durch interkulturelle Übermittlung in Be¬ 
rührung kommt. Ursprünglich aus verschiedenen Sprachen stammend, haben 
die nichtgermanischen Heiligennamen ihre letzte Überformung vor der Inte¬ 
gration in die einzelnen regionalen europäischen Namensysteme durch die 
graeco-lateinische Septuaginta-Vulgata-Tradition und Hagiographie erhalten 
und unterscheiden sich insbesondere morphologisch grundlegend von dem 
deutschen Namensystem germanischer Herkunft. Letzteres ist vor allem durch 
seine Zweigliedrigkeit charakterisiert, während die zu integrierenden Fremd¬ 
namen, auch wenn sie in ihren Ursprungssprachen durchaus mehrgliedrig wa¬ 
ren wie der größte Teil der hebräischen Namen, von der deutschsprachigen 
Übernehmerpopulation als eingliedrig empfunden werden mussten. Im Gegen¬ 
satz zu etwa Chun-rat, Hein-rich und Fried-rich waren für die deutschen Na¬ 
menbenutzer des 13. Jahrhunderts die Xenonyme Johannes und Elisabeth in 
keine onymischen Bestandteile analysierbar. Allerdings war einer Integration 
dieser beiden Namensysteme schon insofern Vorschub geleistet worden, als 
das altdeutsche Namensystem selbst schon vor dem Kontakt mit dem fremden 
in einem grundlegenden Strukturwandel begriffen war. So hatten sich die ur¬ 
sprünglich relativ frei miteinander kombinierbaren Anfangs- und Endglieder 
weitgehend in positionsgebundene Morpheme verwandelt, die entweder nur 
die Anfangs- oder nur die Endposition im Namenwort einnehmen konnten. 
Ein Beispiel aus der Regensburger Überlieferung möge diese Entwicklung 
verdeutlichen: ln den Traditionen des Hochstifts Regensburg und des Klosters 
St. Emmeram, die vom 8. bis zum 13. Jahrhundert reichen, erscheint das 
Anfangsglied Amal- kombiniert mit zwölf Endgliedern, nämlich mit -bert, 
-birgal-pirc, -burc, -drud, -frid, -gerl-ker, -gis, -heid, -heri, -rieh, -suind, 
-wichl-wic, dazu die Formen Amalo und Amalunc. Von dieser kombinato¬ 
rischen Vielfalt ist im Regensburger Urkundenbuch, das vor allem Urkunden 
aus dem 14, Jahrhundert (bis 1378) enthält, nichts mehr zu finden; in seiner 
reichhaltigen Namenüberlieferung sind nur noch Amluneh und die dazuge¬ 
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