Full text: Interferenz-Onomastik

Aura ,Gelände am Wasser, an dem sich Auerochsen aufhalten4 
Birkenfeld ,Ort auf einem mit Birken bestandenen Feld4 
Birklingen ,bei den Leuten, die an jungen Birken wohnen4 
Ebrach ,(Gewässername) fließendes Wasser, an dem sich Eber aufhalten4 
Eschau ,(Flurname) Eschengehölz4 
Eslarn ,bei den Eselstreibern4 
Fischbachau ,Gelände an einem fischreichen Bach4 
Fischen (a. 860 Viskingun) ,bei den Leuten des Fischers4 
Fuchsstadl,(Flurbezeichnung) Stätte, wo sich Füchse aufhalten4 
Kühbach ,Zum Grundwort siehe den Ortsartikel Aidenbach; Bestimmungs¬ 
wort ist althochdeutsch chuo ,Kuh4 usw.4 
Wiesent .Der Name weist somit auf einen Fluß, an dem sich Wisente 
aufhalten.4 
Das heißt: Wenn wir deutsch erscheinende Namen deutsch deuten, reprodu¬ 
zieren wir möglicherweise nur die volksetymologische Sekundärmotivation 
durch deutsche Sprecher, da wir ja nicht wissen können, ob es nicht ältere 
anders zu deutende germanische oder gar vorgermanische Formen gegeben 
hat. Auf diese Gefahr weist auch Elmar Seebold (1995, S. 606) hin: „[...] ein 
,durchsichtiger4 Name kann leicht eine Umdeutung eines ,dunklen4 Namens 
sein. 44 
Der methodische Zweifel macht dann aber auch nicht halt bei einer 
,schönen4 vorgermanischen, beispielsweise keltischen Erklärung. Wenn also 
der Name des Lechs aus einem keltischen Adjektiv mit der Bedeutung 
,steinig4 abgeleitet wird (von Reitzenstein 1991, S. 224), dann heißt das 
meines Erachtens zunächst nur, dass der Name für die Kelten motiviert 
erscheinen konnte. Dass der Name Kempten aus bezeugtem Camboduno 
kommt und dieses im Keltischen ,Burg an der Flusskrümmung4 bedeutet (von 
Reitzenstein 1991, S. 203), zeigt, dass der Name für die Kelten motiviert 
gewesen sein wird. Ob sie ihn selbst so motiviert vergeben haben oder ob er 
seine keltische Motivation erst sekundär bei der Übernahme aus einer vorkel¬ 
tischen Sprache bekommen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Auch auf 
diese Möglichkeit hat Elmar Seebold (1995, S. 604) hingewiesen: 
So ist es etwa in Süddeutschland und Westdeutschland gelegentlich 
möglich, Ortsnamen auf die Sprache der früheren keltischen Bevöl¬ 
kerung zurückzuführen, doch heißt das keineswegs, daß jeder vorger¬ 
manische Name deshalb keltisch sein muß - er kann leicht auf eine 
noch ältere Namensschicht zurückgehen und in vielen Fällen ist dies 
auch wahrscheinlich. 
Alle remotivierenden Umdeutungen älterer Namen sind natürlich für sich 
betrachtet Zeugnisse des Namenverständnisses und der produktiven Sprach- 
tätigkeit von Sprechern. Remotivationen oder Reanalysen sind so gesehen his¬ 
torische Sprachzeugnisse und Quellen, was hier angesichts des oftmals als ab¬ 
fällig konnotiert empfundenen Ausdrucks Volksetymologie eigens betont sei. 
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