Full text: Interferenz-Onomastik

Für übersetzte deutsche Namen ohne belegte vordeutsche Namen können wir 
die Möglichkeit der Übersetzung gar nicht erkennen, sie aber andererseits 
prinzipiell auch nicht ausschließen; erst recht kann nicht ausgeschlossen 
werden, dass schon ein vordeutscher Name seinerseits aus einer voraus¬ 
gehenden Sprache übersetzt worden sein kann.14 
5, Etymologie und V olksetymologie 
Was bedeutet nun dieses methodische Dilemma für die Namenetymologie? Es 
bedeutet, dass die Deutbarkeit eines Ortsnamens aus Appellativen einer be¬ 
stimmten Einzelsprache grundsätzlich unter dem Verdacht stehen muss, dass 
diese Deutbarkeit lediglich die von den Sprechern der betreffenden Sprache 
gesehene Motiviertheit des Namens reproduziert, und zwar unabhängig davon, 
ob diese Motiviertheit auf einer Namengebung im zeitlichen Horizont dieser 
Sprache beruht oder auf einer remotivierenden Deutung und Umformung 
eines Namens aus einer anderen Sprache oder auch nur aus einer Vorstufe der¬ 
selben Sprache. Sofern vom Namenforscher lediglich die sekundäre Motiviert¬ 
heit, die Remotivation, nachvollzogen wird, handelt es sich in der Tat um 
Volksetymologie, die in linguistischen Lexika eben als Remotivation erklärt 
wird (Glück 2005, S. 728). 
Für Fälle wie Altmühl und Epfach wird das wegen der deutlich vor¬ 
deutschen Belegformen jedem unmittelbar einleuchten. Und natürlich wird 
man auch innerhalb der deutschen Überlieferung die an den historischen Bele¬ 
gen ablesbaren Umformungen als solche berücksichtigen. Wenn der Ortsname 
Eichendorf in Niederbayern im 11. und 12. Jahrhundert als Ebechendorf seit 
dem 12. Jahrhundert als Euchendorf belegt ist und erst ab 1831 Eichendorf 
lautet (von Reitzenstein 1991, S. 118), so ist die sehr junge Remotivation mit 
dem Anschluss an die Baumbezeichnung Eiche unschwer zu erkennen. Solche 
Fälle bestätigen das methodische Prinzip, bei Deutbarkeit der Form mit der 
Möglichkeit einer sekundären Bedeutungszuweisung der Sprecher zu rechnen. 
Schwerer wird es freilich fallen, diesen methodischen Zweifel für zunächst 
einmal jeden deutbaren Namen anzuerkennen, und gerade auch für die 
Namen, bei denen keine Umformungen und Remotivationen an den Beleg¬ 
reihen ablesbar sind. Nach meiner Überzeugung gilt dieser Zweifel auch für 
solche Namen und Namendeutungen, wie ich sie dem Lexikon bayerischer 
Ortsnamen von Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein (1991) entnehme;1^ 
14 Man vgl. z.B. die bei Bach 1953/1954, § 441 geäußerte Vermutung, lat. Confluentes 
(Koblenz) „dürfte einem kelt. Condate (Lokativ von *condas Zusammenfluss1) 
nachgebildet sein,“ 
15 Zu den Deutungen mit Tierbezeichnungen vgl. auch von Reitzenstein 1999/2000; 
von Reitzenstein 2004; von Reitzenstein 2005. 
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