Full text: Interferenz-Onomastik

von Raum- und Völkernamen, ^ obwohl Max Förster von -essä mit sekundärer 
Geminata /ss/ < *st ausging, weil primäres /ss/ degeminiert wird.38 39 Das 
Förstersche Etymon brit. *Lind-essä weist freilich zwei Schönheitsfehler auf. 
Zum einen bleiben Herkunft und Entstehung des Suffixes *-essä offen, zum 
andern ist nicht recht ersichtlich, wie aus Lindissa ein Ethnonym Lindissi ent¬ 
stehen konnte, weil Ableitungen auf -issa weder im Lateinischen noch auch in 
den frühromanischen Sprachen als Grundlage weiterer Wortbildungsprozesse 
fungieren. 
Phonologisch betrachtet, kann ae. Lindisse, -esse auch direkt aus brit. 
*Lindessä entlehnt sein. Der Nominativ müsste dann frühae. *Lindis, ae. 
*Lindes mit Schwund des quellsprachlichen Auslautvokals lauten. Der Name 
kommt jedoch fast nur in Verbindung mit einer Präposition (in, from, of on) 
vor, die den Dativ regiert oder regieren kann. Auch in den Belegen in pere 
me^öe Lindesse ,im Land Lindsey' LS 3 (Chad) 56, 193 steht das Toponym im 
Dativ. Allein die Nominalphrase of ealre Lindesse stowum ,von allen Orten 
Lindseys‘ in der Beda-Übersetzung 182.28 zeigt es im Genitiv. Die Überein¬ 
stimmung beider Kasus weist zusammen mit der Geminata /ss/ auf Einordnung 
in die Flexion dery'ö-Stämme, wo *Lindis Anschluss an die Feminina auf -is, 
-es (< *-isjö~) wie forle^is, flekt. forle^isse ,Ehebrecherin1 finden konnte.40 
Damit eröffnet sich sogar die Möglichkeit, auch Gen., Dat. Lindisse auf Grund 
des erschlossenen Nominativs Lindis* auf urkymr. *Lindes zurückzuführen. 
Der vermisste Nominativ liegt dann im Vorderglied von Lindes-e% vor und M. 
Försters problematisches Etymon *Lind-essä erübrigt sich. Trifft diese Deu¬ 
tung zu, basiert anglolat. Lindissi auf frühae, Lindis, Gen., Dat., Akk., 
*Lindissce, Dat. < Lok./Instr. *Lindissi. Da sowohl bei den ö-stämmigen als 
auch bei denyo-stämmigen Substantiven frühaltenglisch noch Dativformen auf 
mit instrumentaler oder lokativer Funktion Vorkommen,41 die die alte Loka¬ 
tivendung bewahren, spricht nichts gegen die Rückführung von anglolat. 
Lindissi auf eine frühaltenglische lokativische Dativform *Lindissi. Sie bietet 
zugleich die Erklärung dafür, dass anglolat. Lindissi indeklinabel ist. 
Mit Lindese^ und Lindesse kennt das Altenglische zwei Raumnamen mit 
keltischem Bestimmungswort, die das Gebiet um die Stadt Lincoln bezeichnen. 
Ob die geographische Reichweite von Lindese5 kleiner war und sich auf die 
unmittelbare Umgebung von Lincoln beschränkte, wie das Grundwort ¿>5 ver¬ 
muten lässt, geht aus den Belegen jedoch nicht hervor, zumal die den Namen 
überliefernden Texte nicht über das ausgehende 9. Jahrhundert zurückreichen. 
38 Jackson 1953, S. 332, 553. 
39 Förster 1941, S. 595-601. 
4,1 Campbell 1959, § 592(a); Sievers/Brunner 1965, § 258.1c, stellen Lindis ausdrück¬ 
lich hierher. Ae. hce^tesfse) ,Hexe‘ bleibt jedoch fern, da < wgerm. *haya-tusjö', vgl. 
Kluge/Seebold 2002, S. 411. 
41 Vgl. Campbell 1959, § 587, 591. 
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