Full text: Interferenz-Onomastik

Eine Anregung Wolfgang Haubrichs aufgreifend soll im Folgenden unter¬ 
sucht werden, wie sich im Konsonantismus die antik-romanischen und die sla¬ 
wischen Ortsnamenintegrate zur Zweiten Lautverschiebung verhalten und 
welche sprachgeschichtlichen, aber auch siedlungsgeschichtlichen Schlüsse in 
Verbindung mit außersprachlichen Fakten daraus gezogen werden können. Es 
geht also vor allem um Durchführung und Unterbleiben der einzelnen Laut¬ 
verschiebungsprozesse sowie die Bestimmung ihrer relativen innersprach¬ 
lichen Chronologien und den Versuch, mit Hilfe außersprachlicher Fakten, wie 
sie bei sehr geringen historischen Zeugnissen aus verschiedenen Indizien die 
Frühmittelaltergeschichte und die Archäologie erarbeitet haben, annähernde 
Datierungen als absolute Chronologien zu gewinnen. Beides hat in der For¬ 
schung unterschiedliche Beurteilungen erfahren. 
2. Bisherige Chronologien und Beurteilungen der Zweiten 
Lautverschiebung im Bairischen 
Die germanistische Sprachgeschichtsforschung hat sich bekanntlich seit ihren 
Anfängen um 1820 mit den Fragen der Formen, Entstehung, Herkunft und 
Verbreitung der Zweiten Lautverschiebung beschäftigt und dazu unterschied¬ 
liche Antworten gegeben, so dass es bis heute keine einheitlichen Beurteilun¬ 
gen gibt.1 Auch für das Bairische und seine diesbezügliche Stellung innerhalb 
des Althochdeutschen bestehen unterschiedliche Auffassungen. Von besonde¬ 
rer Bedeutung sind dabei die verschiedenen Beurteilungen von Ernst Schwarz 
und Eberhard Kranzmayer. 
Ernst Schwarz hat 1927 in seiner Studie „Die althochdeutsche Lautver¬ 
schiebung im Altbairischen (mit besonderer Heranziehung der Salzburger 
Güterverzeichnisse)“ über die Salzburger Überlieferung hinaus auch einige 
weitere antik-romanische Ortsnamen sowie Lehnwörter berücksichtigt und 
gelangt mit teilweisem Anschluss an Georg Baesecke zum Ergebnis, dass die 
Prozesse in der Abfolge t-p - k und jeweils je nach Position zu Affrikaten und 
Frikativgeminaten zeitlich gestuft erfolgt sind und „für den gesamten Prozess 
etwa ein Jahrhundert, von der zweiten Hälfte des 6. Jh. bis zum zweiten Drittel 
des 7. Jh„ mit Nachzüglern (nk, kk > kx) bis zum 8. Jh. anzusetzen ist“ (Schwarz 
1927, S. 277), also etwa die Zeit von 550 bis 660. Die Verschiebung von k> kx 
auch im Anlaut ist für Schwarz wegen der mehrfachen Wiedergabe von slaw. 
-ika als bair,-ahd. <-icha> [-ikxa] „noch sicher in der zweiten Hälfte des 8. 
Jh.’s, ja noch einige Zeit des frühen 9. Jh.’s“ möglich (ebd., S. 271). „Die 
Bewegung erfasst sodann im 8. Jh. noch die Mediae“, also d > t, h > p, g > k, 
und genauer: „Die Verschiebung des inlautenden d hat sich im Altbairischen 
[...] in der Mitte des 8. Jh.’s vollzogen (etwas später vielleicht nach n), die des 
anlautenden d folgte in den nächsten Jahrzehnten nach“ (ebd., S. 280). Auch die 
1 Übersichten geben Schwerdt 2000, S. 191-199 und Braune/Reiffenstein 2004, S. 
82 ff. 
164
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.