Full text : Interferenz-Onomastik

6.  Etwa  im  8.-9.  Jahrhundert  erreichten  die  ersten  alemannischen  Einwanderer
  das  heute  deutschsprachige  Oberwallis.  Das  Romanisch,  welches  sie  dort
hörten,  war  ausgesprochen  archaisch  wegen  seiner  extremen  Randlage  im
Vergleich  zur  ehemaligen  Hauptstadt  Rom.  So  hörten  und  übernahmen  sie  noch
im  8.  Jahrhundert  Brig  und  Visp  mit  kurzem  /,  das  eben  noch  nicht  das  Stadium
e  erreicht  hatte.
Visp/Viege  repräsentiert  wahrscheinlich  einen  Gewässernamen  aus  idg.  *uis-,fließen4
  >  rom.  *vis-  +  Endung  -ubia.  Wegen  des  kurzen  i  von  *uis-  kommt
man  bei  diesem  Proparoxytonon  auf  romanisch  Vesbia  (seit  dem  11.  Jahrhundert
  belegt).  Das  neuerliche  -i-  von  Viege  stammt  aus  deutsch  Visp.
Für  Sion!Sitten,  den  Kantonshauptort,  geht  man  von  Sedunis  aus,  dessen  -dsich
  im  Deutschen  regelmäßig  zu  -t-  wandelte,  mit  Vokalharmonisierung  e  -  u
>  i  -  u.  Diesen  Namen  haben  die  Alemannen  vielleicht  schon  vor  ihrer  Einwanderung
  im  Berner  Oberland  entlehnt.  Das  -i-  von  Sion  ist  der  typisch  frankoprovenzalische
  Reflex  eines  Vortonvokais.  ln  den  beiden  Ortsnamenformen  muss
das  -i-  also  je  nach  Sprache  getrennt  erklärt  werden.
Sierre/Siders  beruht  auf  dem  lateinischen  Personennamen  Sitrius  in  toponomastischer
  Funktion,  der  etwa  im  10.-11.  Jahrhundert  den  Stand  -dr-  erreicht
hatte.  Die  deutsche  Entwicklung  zu  t  hat  der  Name  nicht  mehr  mitgemacht,
dazu  wurde  er  zu  spät  übernommen.  Der  französische  Diphthong  -ie-  von
Sierre  ist  hyperkorrekt.  Die  Patoisform  chiro  wurde  nach  dem  Vorbild  piro
,Pierre4  ins  Französische  eingepasst.
7.  Die  im  Titel  gestellte  Frage  können  wir  nun  bedingt  bejahen,  doch  gehen  die
ältesten  Doppelnamen  gerade  nicht  auf  die  Alemannen  zurück,  jedenfalls  nicht
im  Jura  und  im  Genferseegebiet,  Für  die  beiden  Gegenden  kommen  am  ehesten
die  Franken  in  Betracht.  Sogar  das  romanische  Turegum  verdankt  ihnen  sein
schriftliches  Weiterbestehen  während  des  ganzen  Mittelalters.  Inwieweit  die
Alemannen  an  den  antiken  Einfällen  federführend  beteiligt  waren  und  dann  eben
sie  die  aiten  lateinischen  Namen  entlehnten,  bleibt  zu  diskutieren.
Von  diesen  abgesehen  dürften  die  ältesten  ins  Alemannische  übernommenen
Doppelnamen  das  Oberwallis  betreffen.  Visp,  Sitten,  das  hier  nicht  diskutierte
Naters/Narres  und  eventuell  Siders  gehen  vor  das  Jahr  1000  zurück.  Nicht  ganz
so  alt  ist  die  deutschsprachige  Komponente  der  Bielerseenamen  und  der  Freiburger
  Namen.  Aber  auch  sie  stellen  oft  schwer  zu  lösende  phonetische
Probleme.  Wir  haben  dies  an  Lüscherz  und  an  Tüscherz  aufgezeigt,  wo  einiges
an  Akrobatik2"  aufgeboten  werden  musste.  Auch  Gumschen  und  Gurmeis26
gehören  in  diese  Kategorie.

2i  Diese  muss  allerdings  auf  den  Lautgesetzen  beruhen.
Müller,  Wulf:  „Die  Personennamen  in  den  cowr-Toponymen  des  Freiburger  Seelandes44,
  in:  Heinrich  Tiefenbach  /  Heinrich  Löffler  (Hg.):  Personenname  und  Ortsname,
Basler  Symposion  6.  und  7.  Oktober  ¡997,  Heidelberg  2000,  S.  89-102,  hier  S.  92-93.

158
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.