Full text: Interferenz-Onomastik

mählich auf die Kasusdifferenzierung festgelegt wurden. Dass es sich bei 
diesem Phänomen nicht bloß um ein einfaches Nebeneinander von altem 
Nominativ und altem Akkusativ handeln kann, zeigen im Übrigen auch 
literarische Beispiele wie der Name des Verräters im Rolandslied, der sowohl 
Guenes als auch Ganelon lauten konnte< s - letzteres eine suffigierte Kose¬ 
form, während Guenes einen einstämmigen, stark flektierten Kurznamen ohne 
/-Suffix fortsetzt. Die Übernahme der schwach flektierten Variante in der mit¬ 
telhochdeutschen Übertragung des Liedes zeigt sicherlich, dass diese Form 
letztlich doch die gebräuchlichere war. 
An diesem Punkt lohnt es sich nun, etwas weiter auszuholen und einen 
Blick auf die übergreifenden Entwicklungen der Personenbenennung in der 
frühmittelalterlichen Galloromania zu werfen. Der ostentative Wechsel der 
galloromanischen Bevölkerung der Merowingerzeit von der eigenen, aus der 
gallorömischen Antike überkommenen Namentradition hin zum germanischen 
Namensystem der zuwandernden fränkischen Oberschicht stellt eine anthropo- 
nymische Innovation dar, die ihresgleichen sucht. Sie ist nicht zuletzt durch 
die karolingerzeitlichen Polyptychen hervorragend dokumentiert; in seinen 
chronologischen, diatopischen und diastratischen Aspekten aber ist dieses 
Phänomen durchaus unzureichend erforscht. Vor allem über die soziokultu- 
rellen und mentalitätsgeschichtlichen Faktoren, die im 7. und 8. Jahrhundert 
zu seiner Extension auf immer breitere Schichten führten, weiß man wenig; 
zur Erhellung dieses Problems wird man auch das überaus umfangreiche 
Personennamenmaterial, das sich aus den Ortsnamen der Merowingerzeit iso¬ 
lieren lässt, sehr viel stärker heranziehen und es mit aus archäologischen 
Quellen gewonnenen Informationen korrelieren müssen. Bei einem ersten in 
diese Richtung zielenden Versuch, den die Saarbrücker Archäologin Frauke 
Stein und ich selbst für einen Teilraum des romanophonen Lothringen ange¬ 
stellt haben, zeichnet sich das in seiner Deutlichkeit außerordentlich über¬ 
raschende Ergebnis ab, dass in den ältesten Schichten galloromanischer Orts¬ 
namen der Merowingerzeit Bildungen mit bithematischen germanischen Per¬ 
sonennamen ganz entschieden dominieren.Nur sie korrelieren in signifi¬ 
kanter Weise mit merowingerzeitlichen Gräberfeldern, deren Belegung bereits 
im 6. Jahrhundert beginnt, bzw, gruppieren sich um die durch Reihengräber 
nachgewiesenen ältesten Kerne der merowingerzeitlichen Siedlungskammern 
herum. Bithematische Personennamen scheinen von Romanen also insgesamt 
früher übernommen worden zu sein als die entsprechenden monothematischen 
und hypokoristischen Namen germanischer Herkunft. Die monothematischen 
fränkischen Kurznamen korrelieren praktisch ausschließlich mit Reihengrä- 
68 Beispiel nach Wolf: Französische Sprachgeschichte (wie Anm. 12), S. 62. 
69 Vgl. Pitz, Martina / Stein, Frauke: „L’adoption d’anthroponymes germaniques par 
les populations autochtones de la Galloromania à la lumière des données archéo¬ 
logiques. L’exemple de la Lorraine romane“, in: Nouvelle Revue d'Onomastique 
49-50(2008), S. 83-114. 
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