Full text: Interferenz-Onomastik

Martina Pitz t 
Altfranzösische Deklinationsparadigmen vom Typ 
Charles! Charlon, Pierre!Perron oder Berte!Bertain - 
Reflexe fränkischen Superstrateinflusses? 
Bei der Beurteilung der alten Streitfrage der romanistischen Strataforschung, 
auf weichen Ebenen das fränkische Sprachsystem des frühen Mittelalters - ab¬ 
gesehen von den unzweifelhaften Berührungserscheinungen im Bereich der 
Lexik und der Onomastik - auf die sich ausformenden Volkssprachen der Gai- 
loromania hat einwirken können, tritt die Forschung seit Jahren auf der Stelle1 *, 
wenn man von einzelnen extremen, solche Interferenzphänomene grundsätz¬ 
lich negierenden Außenseiterpositionen absieht, die sich freilich nicht durch¬ 
setzen konnten.' Die Gründe für diese Aporie hat Thomas Krefeld jüngst in 
einem subtil argumentierenden Handbuchartikel zu benennen versucht, dessen 
insgesamt recht pessimistischer Grundton aus der Feststellung resultiert, dass 
sich der Transferenzverdacht in der Regel nur schwer operationalisieren lasse; 
er hänge im Grunde von ,superstratomanen‘ bzw. ,substratophoben‘ Vorein¬ 
stellungen ab. Die historische Kontaktlinguistik sei und bleibe damit „eine 
probabilistische Disziplin“, deren „grundsätzliche Zirkularität [...] sich nicht 
überwinden“'1 lasse, so dass man leicht in die Gefahr gerate, sich in „ideolo¬ 
gisch vermintes Gelände“4 zu verirren. 
Während aus synchroner Perspektive die zahlreichen Kontaktphänomene 
auch zwischen nicht verwandten Sprachen und das daraus resultierende inno¬ 
1 Vgl. dazu zuletzt Pitz, Martina: „Romanisch-germanische Sprachbeziehungen, Gal- 
loromania“, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 25 (2003) S. 270- 
279, besonders S. 276f.; Dies.: „Superstratsprachen“, in: Reallexikon der Germani¬ 
schen Altertumskunde 35 (2007), S. 38-42; Felixberger, Helmut: „Sub-, Ad- und 
Superstrate und ihre Wirkung auf die romanischen Sprachen: Galloromania“, in: 
Gerhard Emst (Hg.): Romanische Sprachgeschichte. Ein internationales Handbuch 
zur Geschichte der romanischen Sprachen, 1. Teilbd., Berlin / New York 2003, S. 
594-607, besonders S. 60 lf. 
2 Zusammenfassung der Diskussion bei Blasco Ferrer, Eduardo: Romania germanica: 
spirito germanico in bocca latina? Cagliari 1983; Rohlfs, Gerhard: Romanische 
Lehnübersetzungen aus germanischer Grundlage: materia romana, spirito germa¬ 
nico, München 1983; Stefenelli, Arnulf: „Die innerromanische Sonderstellung des 
Frühgalloromanischen hinsichtlich der Kasusflexion. Ein Beitrag zur diachroni¬ 
schen Varietätenlinguistik“, in: Wolfgang Dahmen (Hg.): Latein und Romanisch. 
Romanistisches Kolloquium /, Tübingen 1987, S. 69-93, usw. 
Krefeld, Thomas: „Methodische Grundfragen der Strataforschung“, in: Emst: 
Romanische Sprachgeschichte (wie Anm. 1), S. 555-567, hier S. 560. 
4 Ebd., S. 565. 
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