Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

Gewerkschaften als Tarifvertragspartner 
Bis auf paritätisch zusammengesetzte Tarifausschüsse fehlten im Saargebiet nach 
dem Ersten Weltkrieg alle weiteren Schlichtungsinstanzen. Mit der Integration in 
NS-Deutschland wurden Lohnfragen durch die vom Arbeitgeber erlassene 
Betriebsordnung geregelt. Sonntagsarbeit, eine Arbeitszeit von bis zu 12 Stun¬ 
den im Bergbau und die Einführung des Generalgedinges bedeuteten klare 
sozialpolitische Rückschritte.'9 Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand in den 
Westzonen weitgehender Konsens zwischen Union und SPD, Tarifverträge 
autonom durch Gewerkschaften und Arbeitgeber aushandeln zu lassen und 
keine staatliche Schlichtung vorzusehen. Die bundesdeutsche Tarifvertrags¬ 
autonomie hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die Gewerkschaften die 
gesellschaftliche Entwicklung mitgestalten konnten. Die in der sozialen Markt¬ 
wirtschaft angelegte soziale Verantwortung des Kapitals konnte so von 
Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern ausgehandelt werden. Hans-Peter 
Schwarz bewertet die Tarifvertragsautonomie gar als Voraussetzung für eine 
politische Demokratie.’" Die Gewerkschaften konnten so etwa die Vermögens¬ 
bildung für Arbeitnehmer, die Schlechtw'etterregelung im Baugewerbe, die 
besondere berufliche Förderung von Waisen sowie den Aufbau von sozialen 
Gemeinschaftseinrichtungen durchsetzen. Im Ergebnis stärkte dies das Ansehen 
der Gewerkschaften bei den Arbeitnehmern. Für noch Unorganisierte wurde es 
reizvoll, der Gewerkschaft beizutreten, gewerkschaftliche Identifikation und 
gewerkschaftliches Engagement nahmen zu. Zugleich wurden die Gewerkschaf¬ 
ten zu einem etablierten Ordnungsfaktor der Gesellschaft. Im Unterschied dazu 
war in Frankreich der Staat Motor des sozialpolitischen Fortschritts. 
Die Gewerkschaften an der Saar standen in der Hoffmann-Zeit vor dem Problem, 
dass sie als Tarifvertragspartner nur eingeschränkt anerkannt wurden. Die Régie 
vertrat den Standpunkt, dass mit der Anerkennung des Bergbaustatuts, das den 
Bergleuten erhebliche soziale Vorteile brachte, auch anerkannt worden sei, 
Lohnerhöhungen über Ministerialerlass zu regeln. Dies entsprach den staats¬ 
interventionistischen Traditionen. In Frankreich verhandelten gemischte Kom¬ 
missionen mit Vertretern aus Staat, Arbeit und Kapital die Tarife aus. Konnte 
keine Einigung erzielt werden, wurden Lohnhöhe und Arbeitsbedingungen von 
staatlichen Stellen festgelegt. Die Mehrzahl der großen Unternehmen, Banken 
und Versicherungen waren in Staatsbesitz. Nicht nur im Bergbau wurden die 
Gewerkschaften als Tarifvertragspartner nicht anerkannt, auch in der Metallindus¬ 
trie gab es Konflikte. Der Arbeitgeberverband der Eisen- und Metallindustrie 
versuchte bis 1953 mehrfach, Lohnerhöhungen der Saargewerkschaften mit der 
29 Mallmann u. Steffens {Anm. 4), S. 224. 
30 Hans-Peter Schwarz, Modernisierung oder Restauration? Einige Vorfragen zur künftigen 
Sozialgeschichtsforschung über die Ära Adenauer, in: Rheinland-Westfalen im Industrie¬ 
zeitalter. Vom Ende der Weimarer Republik bis zum Land Nordrhein-Westfalen, hrsg. von 
Kurt Düwell u. Wolfgang Köllmann. Wuppertal 1984, S. 284. 
316
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.