Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

das Differdinger Werk bauen wolle. Offensichtlich war Cockerill jedoch noch 
nicht in der Lage, den Schritt zur Konstruktion eines stärkeren Motors zu wa¬ 
gen. Greiner beschied damals - im Frühjahr 1896 - die Anfrage noch abschlägig, 
riet Wurth jedoch, sich diesbezüglich an die Berlin-Anhaltische Maschinen¬ 
fabrik in Dessau zu wenden. Die Dessauer Maschinenfabrik baute und lieferte 
dann auch den gewünschten 60 PS Gichtgasmotor, der im November 1897 in 
Differdingen zwecks Erprobung aufgestellt wurde. Umfangreiche Versuche 
wurden an diesem Motor angestellt, der sozusagen als Prototyp der industriellen 
Anwendung des Gasmotors in der Eisen-und Stahlindustrie betrachtet werden 
darf, sind doch die Erprobungsversuche ausgiebig in der technisch-wissen¬ 
schaftlichen Literatur der damaligen Zeit dargelegt und kommentiert worden. Mit 
der Auswertung der Resultate befassten sich die Professoren Eugen Meyer, 
Direktor des Instituts für technische Physik der Universität Göttingen, und Aimé 
Witz von der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lille in Nord¬ 
frankreich.15 Prof. Witz sagte in seinem Abschlussbericht, dass der Gasverbrauch 
für 1 PS sich effektiv auf 2825 Liter Gas beliefe und dass der Motor 65 PS 
liefere. Witz schloss seinen Bericht mit den Worten: " Es besteht kein Zweifel, 
daß die Verwendung von Hochofengas im Gasmotor der Eisenindustrie ganz 
gewaltige Energiemengen zur Verfügung stellen kann, welche man Unrecht hätte 
zu vernachlässigen." 
Die Einführung von Großgasmaschinen auf der Differdinger Hütte (1900) 
In Anbetracht der günstigen Resultate, welche seit Mai 1898 mit dem an eine 
Schuckert Dynamomaschine angeschlossenen 60 PS Gichtgasmotor in kontinu¬ 
ierlichem Betrieb auf der Differdinger Hütte erzielt wurden, dachte die Unter¬ 
nehmensleitung an die Weiterverarbeitung des Roheisens in neu zu errichtenden 
Anlagen heranzutreten, wobei sie davon ausging, dass die Gestehungskosten 
der Stahlproduktion sich bedeutend unter diejenigen anderer Werke stellen 
müssten, wenn man die überschüssigen Gase im Explosionsmotor zur Kraft¬ 
erzeugung verwenden würde anstatt teurer Kesselkohlen als Brennmaterial für 
Dampfkessel. Der Dampfantrieb der Maschinen und Anlagen auf einer Großhütte 
mit Hochofen-, Stahl- und Walzwerken verschlang selbstverständlich erheblich 
größere Mengen an Feuerungskohlen als auf einem reinen Hochofenwerk. Daher 
war die Notwendigkeit, eine Lösung für den sich ständig steigernden Kosten¬ 
faktor Feuerungskohlen zu finden, weitaus zwingender auf einer integrierten 
Hütte als auf einem reinen Hochofen werk. 
Die Nutzung der Gichtgase zur Krafterzeugung wurde von Beginn an, also ab 
Herbst 1898, in den Erweiterungsplan der Differdinger Hütte mit einbezogen. 
15 Die veröffentlichten Berichte Witz und Meyer datieren vom 21. respektive 25. Oktober 
1898, Vgl. Eugen Meyer, Die Verwendung der Hochofengichtgase zum Betriebe von 
Gasmotoren, in: Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) (1899), S. 448f, 483f. 
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