Full text: Grenzkultur - Mischkultur?

Einleitung 
Es scheint nicht mehr zeitgemäß, an der Schwelle eines Jahrtausends, das in 
mutigem Vorgriff schon zum Zeitalter der „Globalisierung“ erklärt wird, über 
Grenzen zu reden. Dies gilt zumal für Europa, das in den letzten Jahren viele 
Grenzen aufgegeben oder zumindest in ihrer Erscheinungsform gemildert hat 
(Zerfall des Ostblocks und damit Ende des Eisernen Vorhangs, Verzicht auf 
Grenzkontrollen im Rahmen des Schengener Abkommens, freier Verkehr 
innerhalb der Europäischen Union aufgrund des Vertrags von Maastricht, 
Schaffung des EWR usw.). Ähnliche Entwicklungen anderswo (NAFTA, WTO 
usw.) ebenso wie die Entwicklung der Kommunikationstechnologie, welche die 
ganze Welt vernetzt, nähren die Vermutung (und aufgrund leidvoller 
Erfahrungen mit Grenzen in der Vergangenheit oft auch die Hoffnung), daß 
Grenzen bald nur noch Gegenstand historischer Betrachtung sein werden. 
Diese Hoffnung ist zumindest verfrüht. Gleichzeitig mit den geschilderten Ver¬ 
änderungen lassen sich nämlich gegenläufige Entwicklungen beobachten. So 
sind viele staatliche Grenzen aufgrund des Zerfalls von sogenannten Viel¬ 
völkerstaaten im letzten Jahrzehnt neu entstanden, Grenzkonflikte haben eher 
zu- als abgenommen, und Staatengemeinschaften grenzen sich gegen außen 
mehr ab als früher; auch der stärker werdende Regionalismus ist wohl in die¬ 
sem Zusammenhang zu sehen. Daneben wächst die Angst, in einem „grenzen¬ 
losen“ Umfeld nicht mehr auf den Schutz überschaubarer Strukturen zählen zu 
können und bedrohlichen weltweiten Entwicklungen hilflos ausgesetzt zu sein. 
Grenzen werden also wohl noch auf längere Zeit im Zusammenleben mensch¬ 
licher Gemeinschaften eine Rolle spielen. Möglicherweise haben Grenzen, und 
zwar nicht nur diejenige im (geographischen) Raum, zumindest im euro¬ 
päischen Kulturkreis das menschliche Bewußtsein so stark geprägt, daß sie 
sogar als unabdingbar empfunden werden. Dabei ist aber die heute klassische 
Vorstellung von Grenze als Linie (genauer als Fläche, da sie in den Raum über 
und unter der Oberfläche reicht) eine Abstraktion, die sich wohl erst allmählich 
aus einem Grenzbereich (dem Grenzsaum) herausbildete. Und beidseitig der 
Grenze gibt es Grenzgebiete, die von einem Zentrum aus wiederum als der 
äußere Rand der Peripherie wahrgenommen werden. Aufgrund ihrer Rand- 
ständigkeit werden diese Grenzgebiete einerseits häufig vernachlässigt, gleich¬ 
sam übersehen; anderseits gilt ihnen aufgrund ihrer unmittelbaren Nachbar¬ 
schaft zu den Anrainern ein besonderes staatliches Interesse, da sie als Auf¬ 
marschgebiet bzw. als vorderste Verteidigungszone gelten. Auch bezüglich 
ihrer Funktion sind sie eigenartig ambivalent: zum einen sollen sie gegenüber 
den Nachbarn abgrenzen, zum andern findet gerade in ihnen und durch sie der 
Kontakt mit dem Nachbarn erst statt. Diese besondere Stellung von Grenz¬ 
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