Full text: Grenzkultur - Mischkultur?

Günter Scholdt 
Grenzkultur als Politikum 
AUGUST SCHOLTIS UND ANDERE 
„Als geborener und gelernter Preuße scheine auch ich umsonst gelebt und 
mein Dasein verfehlt zu haben. Es geht mir nicht anders als gewissen 
Grenzlandbewohnern jenseits der Oder-Neiße, Kaschuben geheißen, 
Masuren, Posener, kurzum Wasserpolacken. Deren Väter und Söhne be¬ 
völkerten preußische Kasernen bis zum ersten Weltkrieg, danach pol¬ 
nische, im zweiten Weltkrieg abermals preußische, heut wieder polnische 
und so munter hin und her. Kein Hölderlin, kein junger Schiller, kein an¬ 
tiker Chor besingt die Orestie dieser zwiespältigen Preußengeschlechter in 
den Ebenen zwischen Weichsel und Oderfluß. Weder Roman noch Gedicht 
künden von der nationalen Verworfenheit einer heimatlosen Menschheit 
Mitteleuropas, deren Knochen Ostfronten, Westfronten, Südfronten, 
Nordfronten in deutschen Uniformen düngen. In diesen Regionen scheint 
Mitteleuropa immer noch Mittelalter zu sein. Hier wird die Kreatur von 
Generation zu Generation zwischen preußischen und polnischen 
Staatsgrenzen hin und her gezerrt, abwechselnd durch beide Seiten des 
freien Willens beraubt, genötigt, gejagt, geplündert oder am Straßenrand 
einfach abgeschlachtet.“1 
Der sich aus der Rückschau des Jahres 1959 so seinen Lesern vorstellte, war der 
südschlesische Schriftsteller August Scholtis. Er stammte aus Bolatitz, einem 
zivilisationsabgewandten Bauern-, Häusler- und Handwerkerdorf des 
Hultschiner Ländchens, einem Völker- und Sprachenmischgebiet par ex- 
cellence: 
„Dieses Volkstum wurde aus allen Richtungen korrumpiert, es war bereits 
eine einzigartige europäische Kuriosität, national immer weniger jemanden 
zu etwas verpflichtend. Die Menschen dachten nicht mehr deutsch, pol¬ 
nisch oder mährisch, sondern katholisch. Allein eine Kirchenkultur hielt 
sie miteinander verbunden. [...] 
Hier feierte ein mittelalterlicher Feudalismus bis zum Ende des ersten 
Weltkriegs fröhliche Urständ. Dann kam der elegische Abklang, die ge¬ 
genwärtige Kollektivierung durch den Kommunismus. Jahrhundertelang 
hatten sich etwa ein Dutzend alter Adelsgeschlechter in das Land geteilt. 
Rings um mein Heimatdorf gehörten [...] fünfzig Domänen dem Fürsten¬ 
geschlecht Lichnowsky, neben den Wiener und Londoner Rothschilds. 
Scholtis: Bolatitz, S. 10. 
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