Full text: Grenzkultur - Mischkultur?

Impuls für die Sprachwahl nicht von den Bolchenem selbst, sondern von der 
jeweils anderen Vertragspartei und der von ihr möglicherweise festgesetzten 
mündlichen Verhandlungssprache ausgegangen sein. 
Schon die große Zahl der erhaltenen altfranzösischen Urkunden, die nach ihren 
Urkundeninhalten von Metzer Behörden, speziell den Amandellerien ausgestellt 
worden sein dürften, belegt die engen Kontakte, die zwischen den Herren von 
Bolchen bzw. den an Rechtsgeschäften mit ihnen beteiligten Familien des 
Sprachgrenzgebietes und der wirtschaftlichen und kulturellen Metropole Metz 
bestanden haben müssen. Hinzu kommen die zahlreichen Stücke, die in Sprache 
und Formular ganz den Metzer Praktiken entsprechen. Noch interessanter aber 
ist eine kleine Gruppe von Urkunden, die außerordentlich stark von ostfranzösi¬ 
schen, respektive lothringischen Eigentümlichkeiten gekennzeichnet sind und 
auf orthographische Konventionen wenig Rücksicht nehmen (z.B. Nr. 5f.). Da 
in allen diesen Fällen der Schriftduktus nicht auf einen gänzlich ungeübten 
Schreiber schließen läßt, wird es die ungewohnte, vielleicht nur als Zweit¬ 
sprache erworbene Sprache - oder jedenfalls die völlige Unkenntnis jeder 
überregionalen Norm - sein, die zu solchen Ergebnissen führt. Umgekehrt las¬ 
sen viele der deutschen Beurkundungen, die im großen und ganzen einen dem 
westlichen Rheinfränkischen entsprechenden Lautstand zeigen, eine deutliche 
Beeinflussung durch graphematische Eigentümlichkeiten der Metzer Skripta er¬ 
kennen. In erster Linie ist hier die in den ältesten Stücken geradezu inflationär 
gebrauchte Graphie <x>139 für die ,normalmittelhochdeutsch1 als <sch> ver- 
schriftete palatale Spirans in pantxaft, manxaft, usw., zu nennen, die durchaus 
an bilinguale, aber in der Abfassung französischer Urkunden geübtere Schreiber 
denken läßt.140 Daß sich gerade solche Graphien nach 1350/60 in den deut¬ 
schen Urkunden des Raumes kaum noch nach weisen lassen,141 zeigt deutlich, 
daß die Region sich nun auch schreibsprachlich umorientiert. Eine eingangs 
evozierte sprachliche Kontaktzone, die in ihrem Kern die Regionen zwischen 
Nied und Albe umfaßt haben dürfte, sich allerdings um die Mitte des 14. 
Jahrhunderts allmählich auflöste, nimmt vor diesem Hintergrund deutlichere 
Konturen an; die skizzierten Befunde, die hier nur sehr schematisch dargestellt 
werden konnten, müssen freilich noch durch eingehendere skriptologische 
Untersuchungen und eine vergleichende Hinzuziehung anderer Urkunden¬ 
gruppen ergänzt und gegebenenfalls differenziert werden. 
139 Zu den ostfranzösischen <x>-Graphien zusammenfassend Pitz: Siedlungsnamen, S. 857- 
861. 
140 Vgi zu öieser Möglichkeit in westmitteldeutschen Urkunden des lothringischen Raumes 
auch schon Gärtner/Holtus/Rapp/Völker: „Urkunden“, S. 126. 
141 Das ist das vorläufige Ergebnis einer Durchsicht der entsprechenden Namenbelege der 
Saarbrücker Datenbanken (vgl. Anm. 7), das freilich durch umfassendere Skriptastudien 
an urkundlichen Volltexten des betreffenden Raumes erhärtet werden müßte. 
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