Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

Die Sprache der Bilder: Bild-Erzählung in den Handschriften der 
Romane der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken 
Eva Wolf 
In keiner anderen Gattung ist die Verbindung zwischen geschriebenem Text und gemal¬ 
tem Bild so eng wie in der Buchmalerei. Vor allem dann, wenn es sich um Illustrationen 
zu narrativen Texten handelt wie in den Romanhandschriften Elisabeths, ist der unmittel¬ 
bare Bezug zwischen den beiden unterschiedlichen Medien offensichtlich: Beide sind auf 
eine gemeinschaftliche Rezeption hin konzipiert und beide geben auf ihre eigene Weise 
den gleichen Inhalt wieder. Zwar kann der Text auch ohne die Bilder für sich stehen; er 
erfährt aber durch die Kombination mit einem Bildzyklus eine Strukturierung und Inter¬ 
pretation, die seine Aufnahme durch den Leser beeinflußt. Die Bilder sind verschiedenen 
Abschnitten zugeordnet und gliedern den fortlaufenden Text dadurch optisch in Sinnein¬ 
heiten. Zusammen mit den roten Tituli erlauben sie eine schnelle Orientierung über den 
Inhalt des nachfolgenden Textes. Für die Illustration von narrativen Texten wird meist ein 
Ereignis aus dem Erzählzusammenhang ausgewählt, das als besonders typisch oder wich¬ 
tig für den Fortgang der Handlung angesehen wird. Sie gehen in der Regel der entspre¬ 
chenden Textstelle voran, d.h. sie werden vor der Lektüre der Texterzählung wahrge¬ 
nommen. 
„Der Text spricht vom Ereignis, er nennt die handelnden Personen beim Namen, er er¬ 
zählt das Ereignis im Zeitablauf der Sprache und als einen zeitlichen Geschehensablauf 
selbst und ist, wenngleich er nichts zeigt, ein Anlaß, sich das Ereignis als ein Sichtbares 
vorzustellen.Diese Vorstellung von dem im Text erzählten Ereignis konkretisieren die 
Bilder, indem sie sie unmittelbar sichtbar machen. Die Konkretisierung einer Vorstellung 
im Sichtbaren hat immer bereits eine Festlegung auf eine von mehreren möglichen Sicht¬ 
weisen zur Folge und ist insofern eine Interpretation des Textes. Die Bilder sind deshalb 
dem Text nicht untergeordnet, sie sind keine bloßen Motivwiederholungen eines bereits 
mit anderen Mitteln zum Ausdruck Gebrachten. Sondern als sichtbar gemachte Vorstel¬ 
lung eines Ereignisses beeinflussen sie die Lektüre des nachfolgenden Textes, indem sie 
die Imagination des Lesers lenken und konditionieren. Sie nehmen Einfluß auf die Erwar¬ 
tungshaltung des Lesers an den Text einerseits und wirken umgekehrt als Erinnerungsbild 
während der Lektüre1 2. Diese wichtige Funktion der Illustrationen in narrativen Texten 
setzt voraus, daß die Bilder selbst über Möglichkeiten der Erzählung verfügen. Wie und 
mit welchen Mitteln sich eine Erzählung mit den spezifischen Möglichkeiten des Bildes in 
den Illustrationen zu den Romanhandschriften Elisabeths konstituiert, soll im Folgenden 
genauer ergründet werden. Dazu ist es notwendig, einige Beispiele aus den erhaltenen 
Handschriften durch ausführliche Bildbeschreibungen zu analysieren. Die Beschreibungen 
1 Imdahl, Max: Giotto, München 1988, S.7. Das Zitat bezieht sich zwar auf die heilsgeschichtlichen Ereig¬ 
nisbilder der Arenakapelle, es ist jedoch auf unseren Zusammenhang übertragbar. Die nachfolgenden 
Betrachtungen verdanken den Schriften Max Imdahls viel. 
2 Vgl. dazu auch Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens, München 1976 (3. Auflage 1990), vor allem S.175-193. 
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