Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

Johannes Nuhn, Geschichtsschreiber der Landgrafen von Hessen, verwendete im frühen 
16. Jahrhundert Elisabeths ,Huge ScheppeP als Quelle für die Geschichte der Karolinger¬ 
dynastie, an die er die Landgrafen von Hessen ansippen wollte61. Das Thema des genealo¬ 
gischen und nationalen „Herkommens“62 aber wird bereits mit Elisabeths Übertragungen 
selbst angeschlagen, wie Wolfgang Haubrichs dargelegt hat. Übersetzt wird, so Haubrichs, 
„ein Zyklus, der das französische Königshaus der Kapetinger aus dem Geschlechte Karls 
des Großen ableitete und legitimierte“.63 Auch wenn ich ihm nicht folgen möchte, wenn 
er den Epenzyklus als „Akt der Ansippung an den französischen Spitzenahn“64 vergleich¬ 
bar mit der Herleitung des Hauses Lusignan von der Fee Melusine auffassen möchte, so 
erscheint mir neben der nicht zu gering zu veranschlagenden stofflichen Faszination der 
Vorlagen der Charakter der chanson de geste als geglaubte nationale Geschichtsüberliefe¬ 
rung Frankreichs entscheidend. Durch den Bezug auf Karl den Großen war das in den 
von Elisabeth übersetzten Werken enthaltene dynastische und nationale Herkommen mit 
dem genealogischen Herkommen der zahlreichen sich ebenfalls von Karl dem Großen 
ableitenden deutschen Fürsten— und Hochadelsfamilien gleichsam kompatibel. Zugleich 
stellte Karl der Große die Brücke dar zur deutschsprachigen volkssprachigen Epik und Li¬ 
teratur, und er vermochte als identitätsstiftende Gründerfigur65 die nationalen Herkom¬ 
men Deutschlands und Frankreichs zusammenzuführen. 
hohen und späten Mittelalters, Bern/Frankfurt a. M./Las Vegas 1980, S. 254-345. Aufgegriffen hat diese 
Perspektive seine Schülerin Stamm (wie vorige Anmerkung). Wie in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhun¬ 
derts eine historiographische Fiktion aus dem Kreis des nichtfürstlichen Adels Schwabens, die als Tho¬ 
mas Lirers „Schwäbische Chronik“ bekannte Prosahistorie, mit der traditionellen Idealität des Rittertums 
umgeht, habe ich gezeigt in: Graf, Klaus: Exemplarische Geschichten. Thomas IJrers „Schwäbische Chronik “ und 
die „Gmünder Kaiserchronik “, München 1987. 
61 Senckenberg, Heinrich Christian: Selecta iuris et historiarum [...] tomus III, Frankfurt am Main 1735, S. 318 
(‘Chronica und altes Herkommen’); ebd. tomus 11/, 1739, S. 414 (‘Hessische Chronik’); vgl. Johanek, Pe¬ 
ter, Nuhn, Johannes in: Verpasserlexikon, 2. Aufl., Bd. 6 (1987), Sp. 1240-1247, hier Sp. 1244; Müller, 
„Späte chanson de geste-Rezeption“ (wie Anm. 48), S. 208f. 
62 Zur Eignung des Begriffspaars „Herkommen“ und „Exemplum“, die Eigenarten spätmittelalterlicher 
Territorialchronistik zu erfassen, vgl. Johanek, Peter: „Geschichtsschreibung und Geschichtsüberliefe¬ 
rung in Augsburg am Ausgang des Mittelalters“, in: literarisches Leben, S. 160-182, hier S. 173: „Chroni¬ 
ken dieser Art legen die genealogische Linie der jeweiligen fürstlichen Dynastie dar und legitimieren da¬ 
durch ihre Herrschaft. Diese Legitimierung wird verstärkt durch die Klarlegung des Ursprungs des Ge¬ 
schlechts, eben des ‘Herkommens’ und durch die Einbettung in die Universalgeschichte. Die Verzeich¬ 
nung der Gesta, der Taten der Fürsten, bietet Exempel als Vorbild oder zur Abschreckung“. Näheres 
zum Begriffspaar und zum Herkommenbegriff bei Graf, Klaus: „Genealogisches Herkommen bei Kon- 
rad von Würzburg und im ‘Friedrich von Schwaben’“, in: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft 5 
(1988/1989), S. 285-295; Derselbe: „Heroisches Herkommen. Überlegungen zum Begriff der „histori¬ 
schen Überlieferung“ am Beispiel heroischer Traditionen“, in: Das Bild der Welt in der Volkserfihlung, hrsg. 
von Petzoldt, Leander / Schneider, Ingo / Streng, Petra, Frankfurt a.M. usw. 1993, S. 45-64; Derselbe: 
„Geschichtsschreibung und Landesdiskurs“ (wie Anm. 59), S. 166. 
63 Haubrichs: „Kraft“ (wie Anm. 1), S. 14. 
64 Ebd., S. 17. 
65 Vgl. nur: Karl der Große als vielberufener Vofahr. Sein Bild in der Kunst der Dürsten, Kirchen und Städte, hrsg. von 
Saurma-Jeltsch, Lieselotte E., Sigmaringen 1994. 
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