Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

Büchern und Kirchengemälden die Wappen des lebenden wie des ausgestorbenen Adels 
aufgezeichnet. Grünenbergs Wappenbuch kann als historisch-antiquarisches Werk über 
adelige Stiftungen aufgefaßt werden, das die tugendreichen adeligen Werke vor dem Ver¬ 
gessen bewahren möchte. Es geht ihm also - unter Beschränkung auf das für das adelige 
Selbstverständnis freilich zentrale Wappenwesen - um ritterliche Altertümer. Besonders 
bemerkenswert sind seine Kopien von zehn Minnesängerwappen aus der wohl in Kon¬ 
stanz etwa zur selben Zeit wie die Manesse-Handschrift entstandenen Weingartener Lie¬ 
derhandschrift, die er einem alten Buch entommen haben will, dessen Alter er auf 400 
Jahre schätzt56. Daneben war Grünenberg — darin Püterich vergleichbar — aber auch an 
noch vorhandenen gegenständlichen Lebenszeugnissen der Dichter interessiert: etwa an 
Neidharts Grab in Wien.57 
Es fällt nicht schwer, die Verbindungslinien von Grünenbergs Wappenbuch zum Tur¬ 
nierwesen seiner Zeit auszuziehen. 1479 war es ja zur Wiederbelebung des Turnierwesens 
in Gestalt der bis 1487 abgehaltenen ritterschaftüchen Turniere der vier Lande gekom¬ 
men.58 Etwa zur gleichen Zeit entstand eine historiographische Fiktion, eine Chronik über 
die angebliche Entstehung des Turnierwesens im 10. Jahrhundert. Sie ist erstmals 1494 in 
der Handschrift eines Persevanten (Unterherolds) Jörg Rügen greifbar.59 Der hier beob¬ 
achtbare Konnex zwischen ritterlichem Ritual und historischer Traditionsbildung verweist 
auf die zunehmende Bedeutung historischer Argumente und historischer Forschungen für 
die Adelswelt des 15. Jahrhunderts.60 
56 Text der Vorrede: Des Conrad Grünenberg Kitters und Burgers %u Costem£ Wappenbuch, hrsg. von Stillfried- 
Alcantära, Rudolf / Hildebrandt, Adolf Matthias: Görlitz 1875, S. III-IV. Vgl. Stelzer, Winfried, Grü¬ 
nenberg, Konrad, in: Verfasserlexikon, 2. Aufl., Bd. 3 (1981), Sp. 288-290, hier Sp. 289; Irtenkauf, Wolf¬ 
gang, „Die Handschrift HB XIII 1 der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart”, in: Die Weingart¬ 
ner Uederhandschrift. Textband, Stuttgart 1969, S. 7-28, hier S. 8-10; Graf, Klaus, „Feindbild und Vorbild. 
Bemerkungen zur städtischen Wahrnehmung des Adels”, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 141 
(1993), S.121-154, hier S. 152. 
57 Über die Gräber der alten Meister, die frühesten Belege für die Grabstätten der mittelhochdeutschen 
Dichter, hat Hannes Kästner (Freiburg) im Rahmen des Kolloquiums des Freiburger Mittelalterzentrums 
„Europäische Renaissancen” am 31.1.1998 gesprochen. Druck: „Die Gräber der alten Meister. Über die 
Entstehung der ersten literarischen Gedenkstätten in Deutschland,“ in: „Ze hove und an der strafen. “ Die 
deutsche Literatur des Mittelalters und ihr „Sif im Leben“. Festschrift für \,rolker Schupp, Keck, Anna, Nolte, 
Theodor, (Hgg.), Stuttgart / Leipzig 1999, S. 237-253. 
58 Vgl. Ranft Andreas: „Die Turniere der vier Lande: Genossenschaftlicher Hof und Selbstbehauptung des 
niederen Adels“, in: Zeitschriftfür die Geschichte des Oberrheins 142 (1994), S. 83-102. 
59 Ausgabe von Heide Stamm, Das Turnierbuch des Ludwig von Eyb (cgm 961). Edition und Untersu¬ 
chung. Mit einem Anhang: Die Turnierchronik des Jörg Rügen (Textabdruck) (Stuttgarter Arbeiten zur 
Germanistik 166), Stuttgart 1986, S. 235-292. Zu Rügen vgl. Klaus Graf: „Geschichtsschreibung und 
Landesdiskurs im Umkreis Graf Eberhards im Bart von Württemberg (1459-1496)”, in: Blätter für deutsche 
Fandesgeschichte 129 (1993), S. 165-193, hier S. 185. 
60 Einen Hinweis verdienen an dieser Stelle die das Konzept „Ritterromantik“ ablehnenden Interpretatio¬ 
nen Horst Wenzels zu den „restaurativen Tendenzen“ (S. 293) im Adel, die er am Beispiel der Schriften 
Georgs von Ehingen, Ludwigs von Eyb (Wilwolt von Schaumburg) und Maximilians durchführt: Wen¬ 
zel, Horst: Höf sehe Geschichte. Literarische Tradition und Gegenwartsdeutung in den volkssprachigen Chroniken des 
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