Full text: Zwischen Deutschland und Frankreich

dert dar: Zerfall der Monarchie, der Alleinherrschaft des Königtums, wie sie Suger von 
St.-Denis um 1140 in seiner Vita Ludwigs VI. vorgezeichnet hatte und wie sie dann in ei¬ 
nem guten Jahrhundert von Philipp II. August (1180-1223) über Ludwig den Heiligen 
(1226-1270) bis hin zu Philipp IV., dem Schönen (1285-1314), durchgesetzt worden war34. 
Karl VI. schien das Land wieder in die gewohnte Richtung lenken zu können, als er am 3. 
November 1388 in Reims die über Gebühr verlängerte Vormundschaftsregierung seiner 
Oheime für beendet erklärte35 und danach mit Hilfe vor allem der Leute aus der Regie¬ 
rung seines Vaters die Herrschaft übernahm36. Aber nur wenige Jahre später, am 5. August 
1392, überfiel den König die Krankheit, die ihn zunächst periodenweise, am Ende dauer¬ 
haft regierungsunfähig machte37. Das ist die zweite, zufällige, aber darum nicht minder 
wichtige Besonderheit der Geschichte Frankreichs, die mit der anderen selbstverständlich 
in enger Wechselwirkung stand. Frantisek Graus hat eine Studie über Karl VI., Richard II. 
von England und den römischen König Wenzel unter den Titel gestellt38: Das Scheitern 
von Königen. Ein wenig zugespitzt ließe sich dazu sagen: Wenzel und Richard II. sind 
tatsächlich gescheitert, beide wurden abgesetzt, Richard ist aller Wahrscheinlichkeit nach 
umgebracht worden. Karl VI. aber ist als König eigentlich gar nicht gescheitert. An eine 
Absetzung des mit dem Himmelsöl von Reims gesalbten Königs hat allem Anschein nach 
niemand ernsthaft gedacht: Karl blieb König, er war selbst für den Sieger von Azincourt, 
König Heinrich V. von England die Quelle seiner Legitimation als künftiger König von 
Frankreich, wobei allerdings dem Lancaster und seinem Helfer, Herzog Philipp von Bur¬ 
gund, ein entscheidender Irrtum unterlief, denn eines konnte auch ein gesalbter König 
von Frankreich nicht bewirken39 die Änderung des geltenden Thronfolgerechtes, das die 
Frau als Trägerin und Vermittlerin des Erbes ausschloß. 
In der Realität des politischen Alltags aber hatte die Krankheit des Königs selbstver¬ 
ständlich enorme Auswirkungen: Sein Bruder Ludwig versuchte mit teilweise zwei¬ 
felhaften Methoden, die monarchische Komponente von Frankreichs Staatswesen gegen 
34 Suger: Vie de Fouis IT, le Gros, hg. v. Henri Waquet, Paris 1964. Zu den oben genannten Königen vgl. de¬ 
ren Kurzbiographien von Joachim Ehlers, Ludwig Vones u, Jürgen Miethke in: Ehlers, Joachim u. a. 
(Hggf.Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII., 888-1498, München 1996; Ehlers, J.: 
Geschichte Frankreichs im Mittelalter, Stuttgart u. a. 1987. 
35 Vgl. Autrand: Charles IM (wie Anm. 1), S. 163 ff. Zusammenfassend: Müller, Heribert: Karl VI., in dem 
Anm. 34 genannten Sammelband, S. 303-320. 
36 Autrand: Charles VI (wie Anm. 1), S. 165 ff. 
37 Autrand: Charles LT, S. 289 ff.; R. Famiglietti: Royal Intrigue: Crisis at the Court of Charles IM (1392-1420), 
New York 1986. Die Phasen von Krankheit und Gesundheit werden registriert in: Bellaguet, Louis- 
François (Hg.): Chronique du Religieux de Saint-Denis), Bd. 1-6, Paris 1839-1852. Daß dieser „Religieux“ i- 
dentisch ist mit Michel Pintoin, am Ende seines Lebens Kantor von St.-Denis, kann als gesichert gelten, 
vgl. die Einleitung zum ND der Chronique (Paris 1994) von Bernard Guenée; Ders.: „Le portrait de 
Charles VI dans la Chronique du Religieux de Saint-Denis“, in: Journal des Savants 1997, S. 125-165. 
38 Graus, Frantisek: „Das Scheitern von Königen: Karl VI., Richard IL, Wenzel IV.“, in: Das Königtum (wie 
Anm. 24), S. 17-39. 
39 Vgl. zum folgenden: Scheidgen, Helmut: Die französische Thronfolge (987-1500): Der Ausschluß derFrauen und 
das Salische Gesetz, Bonn, Phil. Diss. 1976; Beaune: The Birth (wie Anm. 32), S. 245 ff. 
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