Die vier Prosahistorien Elisabeths - Skizzierung ihres Inhalts
Wolfgang Haubrichs
Vor ungefähr 600 Jahren wurde Elisabeth von Lothringen-Vaudemont geboren, 1412
wurde sie mit Graf Philipp von Nassau-Saarbrücken vermählt, von 1429 bis 1442 führte
sie die vormundschaftliche Regierung der nassau-saarbrückischen Lande. Sie starb am 17.
Januar 1456 und wurde in der Kirche des Kollegiatstiftes St. Arnual, heute Stadtteil von
Saarbrücken, beigesetzt. Sie ist nicht die erste und nicht die letzte Regentin der Grafschaft
Saarbrücken, aber sie ist die bekannteste. Das mag daran liegen, daß ihre qualitätvolle
Grabtumba an zentraler Stelle im Chor der Stiftskirche deutlich sichtbar an sie erinnert
und daß ihre Übertragungen französisch gereimter Ritterepen in spätmittelhochdeutsche
Prosa ihr einen Platz in der Literaturgeschichte und der Geschichte des französisch¬
deutschen Kulturaustausches gesichert haben. Die von ihr übertragenen Chansons de ges-
te behandeln in einem vierteiligen Zyklus Stoffe aus dem Sagenkreis um Karl den Großen
und seine Nachkommen.
Stilkritische Forschung hat festgestellt, daß Elisabeth mit der Geschichte von Herpin
von Burg es und seinem lieben sun Hem, also der Übertragung der chanson de geste ,Lion de
Bourges‘ begonnen hat. Das Epos beginnt am Hofe Karls des Großen zu Pfingsten, mit¬
ten im höfischen Fest. Herpin, der Herzog von Bourges, rächt einen Schimpf, den ihm
sein Gegenspieler, Herzog Clarius, zufügt, in Selbstjustiz und enthauptet den Verleumder:
darumb muß er vor aller Ritterschaft sterben, gog damit sin schmrd auß und drat für Clarien ... und
gerspielde im sin heubt.
Damit hat er sich außerhalb der vom Kaiser garantierten und den Hof als besonderen
Friedensbezirk umfassenden Rechtsordnung gestellt. Er wird zum Tode verurteilt, nur der
Fürsprache seiner einflußreichen Verwandten hat er es zu verdanken, daß das Urteil in
Verlust seiner Besitztümer und Verbannung umgewandelt wird. Dieses Urteil löst eine mit
allerlei Motiven der Weltliteratur aufgefüllte Serie von Abenteuern, Irrfahrten, Kämpfen
und Eroberungen aus, die über drei Generationen reicht. Herpin wird sein Erbland nie
Wiedersehen, er fällt im Kampf einem Verräter zum Opfer. Erst sein Sohn Lewe — von
einer Löwin aufgezogen (Abb. 2-4) — kann Bourges zurückerobern, doch das vor allem
auf Grund jenseitiger Hilfe: er erlöst einen toten Ritter aus seiner schmählichen Grabstät¬
te - ein Wirt hatte ihn wegen Zechprellerei in den Rauchfang gehängt. Der ,dankbare To-
te£ hilft dem Helden von nun an beständig als überirdischer „weißer Ritter“. Das interna¬
tionale Erzählmotiv besitzt hier die Funktion, die Begnadung des Helden auszudrücken,
der sich am Ende seines Lebens zu Buße und Reue in eine Einsiedelei zurückzieht. Erst
Lewes Söhnen Wilhelm und Oleybaum gelingt die endgültige Befreiung des Landes von
ungerechten Tyrannen.
Auch die zweite Erzählung, die Elisabeth übersetzte, setzt bei Karl dem Großen ein: es ist
mit den Worten Elisabeths das buch von koning Karl von franckrich und siner husfroumn Si¬
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