Volltext: "Grenzgänger"

Hans Leo Krämer 
Grenzgänger aus soziologischer Sicht 
Die Soziologie hat sich bisher mit den Grenzgängem/innen nur beiläufig beschäftigt, 
so daß der Gegenstand weder hinreichend definiert noch gar zum Zwecke analyti¬ 
scher Aussagen konstruiert ist. Ich möchte in meinem Beitrag versuchen, einige Ele¬ 
mente zu diskutieren, die für eine soziologische Typologie des Grenzgängers und der 
Grenzgängerin verwendbar sind. In dem ersten Teil des Vortrages referiere ich kurz 
den Stand der soziologischen Betrachtung des Themas. Im zweiten Teil entwickle ich 
einen typologischen Zugang zu dem Phänomen Grenzgänger/in. 
1. Die vorliegende Literatur behandelt den Gegenstand vornehmlich unter 
drei Gesichtspunkten: 
a) im Kontext allgemeinsoziologischer Ansätze, wobei die Problematik der 
Grenzüberschreitenden häufig nur indirekt angesprochen wird, etwa bei G. 
Simmel und seinen Ausführungen über wandernde Gruppen, oder bei P. Bour- 
dieu, wenn er von den Grenzübergängen zwischen unterschiedlichen sozialen 
Kategorien von Menschen spricht, 
b) im Kontext ethnographischer und kultursoziologischer Studien über, wie vor 
allem R. Girtler es formuliert, „waghalsige“ und „listenreiche“ Leute als 
Grenzüberwinder, die kategonal dem abweichenden Verhalten zuzuordnen 
sind, und 
c) im Kontext eines durch nationale Grenzen festgelegten grenzregionalen Ar¬ 
beitsmarktes, der juristisch-administrativ den Typus Grenzgänger/in als Ar¬ 
beitnehmer/in geprägt hat. 
Allgemeinsoziologische Theorieansätze (a) über konkrete geographische Grenzen 
und Räume oder auch, wie die Durkheim-Schule es ausdrückt, die sozialmorphologi¬ 
schen Grundlagen des Raum- und Grenzverhaltens liegen systematisiert nicht vor.1 
G. Simmel hat in dem Bemühen, eine Soziologie als Wissenschaft von den Formen 
der Vergesellschaftung zu begründen, die Elemente der sozialen Formung des Rau¬ 
mes besonders beachtet. Ausgehend von der Prämisse, daß durch Wechselwirkung 
Gesellschaft entsteht, wobei die „seelischen“ Prozesse wie Anziehung oder Repulsi¬ 
on, Nähe oder Feme sich als Begrenzungsvorgänge erweisen, definiert Simmel die 
Wechselwirkung zwischen sozialer Grenzziehung und Verräumlichung wie folgt: 
„Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, son- 
1 Vgl. Norbert Kuhn, Sozialwissenschaftliche Raumkonzeptionen, Diss. phil. Saarbrücken 
1994; Heiko Riedel, Wahrnehmung von Grenzen und Grenzräumen. Eine kulturpsycholo¬ 
gisch-geographische Untersuchung im saarländisch-lothringischen Raum, Saarbrücken 
1994. 
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