Full text: "Grenzgänger"

forderten Authentizität, mit der allein sich das Recht auf Andersheit scheinbar legiti¬ 
mieren läßt. Auch Multikulturalismus als eine für das andere eintretende Politik ver¬ 
pflichtet die durch eine Differenz gekennzeichneten Gruppen und Individuen auf die 
Einhaltung der von der gesellschaftlichen Mehrheit anerkannten Kulturmuster, wie 
Welz in ihrer Habilitationsschrift „Inszenierungen kultureller Vielfalt“ gezeigt und 
bereits in dem zitierten Artikel als Kritik formuliert hat: „Das Insistieren auf kulturel¬ 
ler Kontinuität - dem Gleichbleiben des ‘cultural stuff, den die ethnische Grenze 
umschließt, um mit Barths Worten zu sprechen - definiert die Authentizität von eth¬ 
nischen Gruppen und ethnischer Identität in einer Weise, die die historische Erfah¬ 
rung dieser Gruppen einschränkt und nicht zur Sprache kommen läßt“ 23. 
Im Schleifer Kirchspiel läßt sich mit der Zwei-Hüte-Geschichte ein Wendepunkt der 
sozialen und symbolischen Organisation ethnischer Differenz markieren: Die nach¬ 
folgenden Generationen lösen sich - gezwungenermaßen - vom Zwei-Kulturen-Mo- 
dell deutsch-sorbisch, ohne jedoch die eigene Differenz völlig preiszugeben. 
4. Das Außen fällt ins Innen: Ambivalenz als Präsenz des anderen 
Das Innen-/Außenwelt-Modell bricht für die nachfolgende Generation, die ihre 
Hauptprägezeit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat, zusammen: Die Außenwelt 
dringt in Mühlrose massiv in die Innenwelt ein und unterbricht damit sowie mit durch 
den Sozialismus bereitgestellten neuen Formen ethnischer Organisation die bisheri¬ 
gen Abgrenzungs-, Anpassungs- als auch Entscheidungsstrategien. Eine kurze Auf¬ 
zählung von Faktoren, allesamt Fremdeinwirkungen, soll davon einen Eindruck ver¬ 
mitteln24: 
- Einheiraten von deutschen Flüchtlingen , meist aus Schlesien, mit denen teilweise 
schon vorher Kontakt bestand, 
- Präsenz von deutschen Tagebauarbeitem in der Öffentlichkeit (angefangen mit den 
Bohrarbeitern ab 1953, Tagebauerschließung, Tagebaubetrieb: z.B. Tagebaubriga¬ 
den in der Dorfgaststätte), 
- Einheiraten von Tagebauarbeitem (oder Soldaten des Wehrübungsplatzes Noch- 
ten) in die Familien, 
- Arbeiten der Frauen im Tagebau (und nicht mehr in der Innenwelt Dorf), 
- Neuverortung des Ortes als Dorf am Tagebau statt Dorf im Wald, samt der damit 
einhergehenden räumlich-zeitlichen Bedrohung des Dorfes durch den Tagebau 
(teilweise abgebaggert, wird der Ort zum Kohlevorranggebiet erklärt, d.h., er exi- 
stert nur noch auf Vorbehalt). 
Die Folge dieses Lebensweltwandels ließe sich innerhalb der Assimilationslogik be¬ 
schreiben, deren Hauptargument der Wechsel der dominant gesprochenen Sprache - 
heutzutage des Deutschen - sein könnte. Doch zeugt selbst innerhalb einer Argumen¬ 
tation, die Sprache parallel zu Kultur mit Identität und Ethnos identifiziert, die anhal¬ 
tende Zweisprachenfähigkeit respektive der Anstieg dieser in der jüngeren Generati¬ 
23 Gisela Welz (wie Anm. 21) S. 77. 
24 Für eine differenzierte Analyse vgl. Anm. 10. 
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