Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

slavische standardsprachliche Überdachung wurde diesem Gebiet in Griechen¬ 
land nie zugestanden,33 sondern es war starkem sprachlichem Anpassungsdruck 
ausgesetzt, der insgesamt wohl erfolgreich gewesen ist: das Gebiet ist sprachlich 
weitgehend hellenisiert.34 Für die folgende Darstellung kommt es deshalb nicht 
in Betracht. In Vardar-Mazedonien war das Gebiet seit 1912 von der serbischen 
Standardsprache überdacht (die sprachlichen Formen des Kontinuums galten als 
südserbische Dialekte). Während der bulgarischen Besetzung im ersten und 
zweiten Weltkrieg überdachte die bulgarische Standardsprache das Gebiet wie 
vor 1912 (die Dialekte wurden als westbulgarisch bezeichnet). Seit 1944 über¬ 
dacht die makedonische Standardsprache dieses Gebiet (die Dialekte gelten als 
makedonisch).35 Pirin-Mazedonien war seit dem 19. Jahrhundert von der bul¬ 
garischen Standardsprache überdacht. Von 1946 bis 1948 war die mazedonische 
Bevölkerung in diesem Gebiet als Minderheit anerkannt und genoß weitgehende 
kulturelle Selbständigkeit. In dieser Zeit überdachte die makedonische Stan¬ 
dardsprache neben Vardar-Mazedonien auch Pirin-Mazedonien.36 Der mehrfa¬ 
che Wechsel in der Überdachung des slavischen sprachlichen Kontinuums in 
Vardar- und Pirin-Mazedonien zeigt, wie Eingliederung und Abspaltung einan¬ 
der ablösen können (vgl. Abb. 3).37 
33 Dazu gibt es eine scheinbare Ausnahme: 1925 erschien in Athen ein makedonischer 
Ahecedar. Durch diese Veröffentlichung kam Griechenland der im Vertrag von Sèvres 
eingegangenen Verpflichtung nach, seine sprachlichen Minderheiten zu schützen. Tat¬ 
sächlich wurde das Buch aber nie eingesetzt, sondern alsbald eingestampft. Eine weitere 
makedonische Grammatik erschien 1953 wahrscheinlich in Moskau in einer Recht¬ 
schreibung, die der bulgarischen nachempfunden war. Bestimmt war sie für die Flücht¬ 
linge und Evakuierten aus Ägäis-Mazedonien, die ihre Heimat als Folge des griechischen 
Bürgerkriegs verlassen hatten. Sie fanden in verschiedenen Ländern des Ostblocks Auf¬ 
nahme, und die Grammatik sollte wohl verhindern, daß sie mit der „titoistischen” make¬ 
donischen Standardsprache in Berührung kamen. Vgl. dazu Hill 19S2, 56-59. 
34 In mancherlei Hinsicht drängt sich ein Vergleich mit der sprachlichen Entwicklung im 
Elsaß und im deutschsprachigen Lothringen im 20. Jahrhundert auf. 
35 Es ist allerdings darauf hinzuweisen, daß gemäß bulgarischer Sichtweise hier keine Stan¬ 
dardsprache vorliegt, sondern eine „schriftlich-regionale Norm der bulgarischen Spra¬ 
che”; vgl. Einheit 1980. 
36 Vgl. Friedman 1985, 49. Nachdem sich die Pläne einer Balkan-Föderation zerschlagen 
hatten und Jugoslawien im Gefolge der Kominform-Krise nicht mehr zur sozialistischen 
Gemeinschaft gerechnet wurde, galten zwar die Mazedonier eine Zeitlang weiterhin als 
Volksgruppe, die makedonische Standardsprache war aber nicht mehr zugelassen. 
3^ Die Darstellung lehnt sich an Kremer 1989, 76, an, der so die ähnlich verwickelten Ver¬ 
hältnisse bezüglich der niederländischen, der nieder- und der hochdeutschen Standard¬ 
sprache auf dem Gebiet der Grafschaft Bentheim aufzeigt. Im Gegensatz zu Kremer, der 
niederländische, niederdeutsche und hochdeutsche Dialekte ansetzt (zusätzlich zu den 
Standardsprachen und den politisch-geographischen Begriffen), berücksichtige ich nur 
die überdachenden Standardsprachen und die politisch-geographische Gliederung. (Nach 
meinem Verständnis sind Dialektgrenzen im südslavischen Kontinuum im nachhinein aus 
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