Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

tereinander ihr Elsässerdeutsch redeten, sprachen auf der Straße absichtlich 
französisch, so wenig sie es auch im allgemeinen beherrschten.“15 Alfred 
Pellon schildert in „Monsieur Pauly“ einen Hyperassimilierten, kenntlich durch 
seine kategorische Aussage „je ne comprends pas l’allemand“.16 Als Clou ent¬ 
hüllt der Schluß der Geschichte die bezeichnende Peinlichkeit, daß der Nur- 
Franzose ein zugewanderter Brandenburger war. Ähnliche Verleugnungsten¬ 
denzen zeigen Jean Egens „Helden“ im Roman aus Lautenbach. Deutsch gilt ih¬ 
nen als „Schweinesprache“, die allenfalls im Bereich der Bibel oder Poesie ak¬ 
zeptables Niveau hält.17 Natürlich zeigt sich in solchen kompensatorischen Re¬ 
aktionsweisen das emotionale Dilemma der Elsaß-Lothringer, die über ihre 
Sprechweise von den Innerfranzosen ausgegrenzt und mangelnder nationaler 
Gesinnung verdächtigt wurden. 
Trotz aller Kritik verfestigt sich auch nach der Lektüre diverser Schriftsteller¬ 
texte der Eindruck, daß die Sprachenpolitik des Deutschen Reiches - verglichen 
mit späteren Unterdrückungsstandards - verhältnismäßig moderat ablief. Für 
das alemannische Elsaß war schließlich 1873 die Einführung von Deutsch als 
alleinige Unterrichtssprache sowie 1876 das Geschäftssprachengesetz, das 
Deutsch zur einzigen Amtssprache machte, keine allzu beschwerliche Anpas¬ 
sung. Im frankophonen Teil Lothringens wiederum wurden Schroffheiten und 
ungebührliche Härten bei der Umstellung möglichst vermieden. So verweist 
etwa die Linguistin Sabine Legrand, die die Sprachenpolitik jener Zeit als 
„relativ sanft“18 bewertet, auf die Behördenpraxis, in den frankophonen Ge¬ 
meinden Französisch im Publikumsverkehr zunächst beizubehalten. Auch eine 
Augenzeugin wie Henriette Lecomte bestätigt im Rückblick, daß französische 
Kulturinitiativen keinesfalls behindert wurden,19 wie überhaupt französisch zu 
sprechen, wenn sich daraus keine politische Demonstration ableiten ließ, durch¬ 
aus üblich war.20 
15 Felden: Sünde, S. 129. 
^ Pellon: Menschen, S. 33. 
17 Egen: Linden, S. 20-22. 
18 Legrand: Sprachenpolitik, S. 54. 
19 Lecomte: Pleine Lune, S. 45: „En vérité, les Lorrains ne pouvaient pas trop se plaindre, les 
Allemands étaient plutôt coulants envers eux. N’avaient-ils pas leur messe en langue 
française le dimanche? (La grand’messe, s’il vous plaît!) Les enfants se délectaient avec 
les histoires de la Comtesse de Ségur, les plus grands avec celles de Jules Verne, 
d’Alexandre Dumas. Les films cinématographiques avaient des sous-titres bilingues, il y 
avait des troupes de passage qui venaient une fois par semaine donner des opérettes 
françaises au théâtre de Metz, où l’on se retrouvait entre soi.“ 
20 Selbst eine Romanpassage aus Colette Baudoche, in der Maurice Barrés den deutschen 
Verdruß über den weiteren Gebrauch von Französisch darstellt, bestätigt nur, daß es sich 
um private Sprachanmaßungen handelt (S. 119 f; vgl. 32, 82). Vgl. Uentze: Trikolore, S. 
220. 
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