Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

angesprochen, weil wie in Korsika das Argument der sprachlichen Nähe bei der 
unerwünschten Einverleibung in den italienischen Staatsverband propagandi¬ 
stisch genutzt wurde; eine etwaige Italianität wird also als Bedrohung der eige¬ 
nen Identität empfunden. 
Ich komme zum letzten Beispiel, den Sprachverhältnissen in Luxemburg. Das 
auf dem Wiener Kongreß geschaffene Großherzogtum Luxemburg, das das 
heutige Staatsgebiet sowie das Gebiet der heutigen belgischen Provinz Luxem¬ 
burg umfaßte, war de jure ein selbstständiges Land, das nur durch Perso¬ 
nalunion mit den Niederlanden verbunden war, weil nämlich der niederländi¬ 
sche König Großherzog war; de facto wurde jedoch versucht, das Land einfach 
als 18. Provinz der Vereinigten Niederlande zu behandeln (Trausch 1977, 51). 
Als nach der Augustrevolution von 1830 die südlichen Provinzen abfielen und 
den neuen Staat Belgien bildeten, gehörte Luxemburg dazu, freilich mit Aus¬ 
nahme der Stadt Luxemburg, in der eine preußische Garnison einquartiert war, 
die den Anhängern des niederländischen Königs-Großherzogs die Macht si¬ 
cherte (Trausch 1977, 62-63). Im ersten Londoner Vertrag von 1831 versuchte 
man die Lösung, den französischsprachigen Westteil Belgien zu überlassen und 
für den deutschsprachigen Ostteil die bisherige Lösung, also Großherzogtum in 
Personalunion mit dem niederländischen Königtum, beizubehalten; dieser 
Kompromiß wurde wegen des hinhaltenden Widerstandes der Niederländer erst 
1839 in die Wirklichkeit umgesetzt (Trausch 1981, 16-18). In unserem Zu¬ 
sammenhang ist vielleicht am interessantesten, daß hier wohl zum ersten Male 
in der europäischen Geschichte ausdrücklich eine Sprachgrenze zum Anhalts¬ 
punkt für eine politische Grenzziehung genommen wurde.8 Es kann hier nicht 
der komplizierte Prozeß der Herausbildung eines luxemburgischen Nationalbe¬ 
wußtseins nachgezeichnet werden; einige Stichwörter müssen genügen: Neu¬ 
tralitätserklärung von 1867, Ende der Personalunion und Thronbesteigung einer 
eigenen Dynastie 1890, deutsche Besetzung von 1914 bis 1918, Hundertjahr¬ 
feier 1939, nationalsozialistischer Terror von 1940 bis 1945, anerkanntes Grün¬ 
dungsmitglied supranationaler Organisationen (Benelux, Montanunion, NATO, 
EWG usw.) seit 1945 (Kramer 1984, 164-173). So sicher es ist, daß 1839 auch 
nicht die Spur eines Nationalbewußtseins bestand, so sicher ist es, daß die lu- 
Trausch 1981, 19: ,JLa séparation se fait d’après des critères linguistiques: la partie 
wallonne revenant à la Belgique, la partie germanique restant à Guillaume Ier. On constate 
cependant plusieurs entorses à ce principe: Quelques villages dans la région de Mar- 
telange, bien que d’expression germanique, sont attribués à la Belgique. Il paraît que 
l’explication réside dans une documentation cartographique insuffisante des délégués à la 
conférence de Londres. Arlon et sa région (un ensemble de 16 communes) sont attribuées 
à la Belgique, sur une profondeur allant jusqu’à 15 km au-delà de la frontière linguistique. 
Cette anomalie est due aux préoccupations militaires de la France, soucieuse de neutraliser 
la zone d’Arlon et de soustraire à la Confédération germanique cette région, située au nord 
de la forteresse française de Longwy“. 
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