Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

Johannes Kramer 
ZWEIEINHALBSPRACHIGKEIT 
(FALLSTUDIEN ZU KORSIKA, CURAÇAO, SEYCHELLEN, GRÖDEN, 
LUXEMBURG) 
Wenn man von Dreisprachigkeitssituationen redet, dann meint man normaler¬ 
weise den Fall, daß sich drei völlig unterschiedliche Sprachen A, B und C ge¬ 
genüberstehen, also beispielsweise Rumänisch, Deutsch und Ungarisch in Tei¬ 
len Siebenbürgens oder Albanisch, Griechisch und Aromunisch in Südalbanien. 
Ich möchte im folgenden jedoch einen Sonderfall der Dreisprachigkeitssituation 
behandeln, den man als asymmetrische Dreisprachigkeit oder vielleicht ein¬ 
gängiger als Zweieinhalbsprachigkeit bezeichnen könnte: Auf der einen Seite 
steht eine ganz und gar fremde Sprache A, die das höchste Prestige hat und vor 
allem von Grund auf schulmäßig erlernt werden muß; auf der anderen Seite 
stehen zwei voneinander recht verschiedene Ausprägungen einer zweiten 
Sprachsorte B, bei der die überregionale, nicht lokal verankerte Varietät B\ in 
einer traditionsreichen schriftsprachlichen Form auftritt, während die regionale 
Varietät B2 gerade die ersten Schritte zu einer Normierung und Verschriftli¬ 
chung macht, mit anderen Worten in der ersten Phase des Ausbaus befindlich 
ist. In derartigen Situationen genießt im allgemeinen die Bj genannte Sprach- 
form ein nur wenig geringeres Prestige als A, während die Sprachform B2 ih¬ 
ren Platz erst noch festigen muß, d. h. ihre Anerkennung als Schriftsprache 
noch erkämpfen oder verteidigen muß. Nicht selten gehen die Fortschritte, die 
B2 macht, auf Kosten von Bj. 
Abstrakte Beschreibungen haben die Eigenschaft, schön schlüssig auszusehen 
und doch die Wirklichkeit nur unvollkommen abzubilden. Auch unser Schema 
A versus Bj versus B2 vermag längst nicht alle Detailprobleme anzudeuten, die 
sich in der historisch gewachsenen Komplexität des tatsächlichen sprachlichen 
Miteinanders in verschiedenen Regionen, auf die das Schema grob zutrifft, 
ergeben haben. Im folgenden möchte ich daher einige konkrete Fälle be¬ 
schreiben, auf die unser Schema paßt. Es handelt sich um Französisch (A), Ita¬ 
lienisch (Bi) und Korsisch(B2) auf Korsika, Niederländisch (A), Spanisch (Bi) 
und Papiamentu (B2) auf Cura^ao, Englisch (A), Französisch (Bi) und Sey¬ 
chellenkreolisch (B2) auf den Seychellen, Deutsch (A), Italienisch (Bi) und 
Dolomitenladinisch (B2) im Grödnertal, Französisch (A), Deutsch (Bi) und 
Letzebuergesch (B2) in Luxemburg. Ich werde versuchen, jeweils einen kurzen 
historischen Abriß der äußeren Sprachgeschichte des betroffenen Gebietes und 
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